Ab in die Tiefe

Dranbleiben. Mich interessieren. In die Tiefe gehen. Den Menschen zuhören. Sie reden lassen. Nur selten nachfragen, ganz behutsam. Nähe finden, Gemeinsamkeiten, Vertrauen aufbauen. Und wenn ich Resonanz bekomme, wieder hingehen mit den Fotos. Reden. Noch weiter gehen, noch tiefer. Die Grenze überschreiten. Emotion is it all!

Meinen Gedanken will ich ein Leben einhauchen. Sie sind sichere Spuren, die dem Leben folgen. Da kann alles ganz leicht werden und fließen. Ein Impuls führt zum nächsten. Ich will dem Leben zusehen, wie es fließt. Als Zeuge, der mit dabei ist. Es beglückt mich, wenn ich den ein oder anderen Augenblick mit meiner Seele wahrnehme, vielleicht dann auch noch mit meiner Kamera festhalten kann. Ungestellt, so wie es ist. Das sehe ich als meine Fotografenaufgabe.

Ich bin stundenlang am Friedhof. Beim Grab von Papa. Es geschieht, dass mich die eindrückliche Herbststimmung aufnimmt. Bunte Blätter tanzen. Es riecht nach Frost. Stille. In der Ferne höre ich Krähen. Ich gehe den Lauten nach, stapfe durch den Laubteppich. Das Leben verliert an Kraft. Es kommt die Zeit des Abschied Nehmens vom Alten. Herbst der Gedanken. Alleine folge ich den Spuren. Das Wesenhafte begleitet mich, enthüllt und verbirgt sich zugleich. Meisen, die Insekten aus einem Baumstamm picken. Auf einem Grabstein sitzt ein Eichelhäher. Ein gebücktes Weiblein in schwarz füttert Tauben. Ich folge einem Zapfen sammelnden Eichkatzerl. Blitzschnell ist es wieder fort, kommt aber immer zu seinem Versteck und lässt mich an sich heran. Mächtigen Eichen wiegen sich im Wind. Wie alt werden sie wohl sein? Sicherlich uralt. Vielleicht schon weit über hundert Jahre? Plötzlich landen drei Krähen über mir im Geäst und verweilen. Schauen sie mich an? Was rufen sie sich wohl zu? Kra, Kra, Ar, Ar.

Da fällt mir ein Haiku zu:

"Leben vergehen - Schwarze Vögel warten schon - Mutter Erde schläft."

Ich schreibe die magischen Worte auf einen Kassenzettel vom Billa. Der Kuli verwischt sich im Regennaß. Bis zur Dämmerung bleibe ich und bin wohl der letzte Friedhofsbesucher. Stille im Lichtermeer. Der Papa ist grad wieder da, ich genieße die Stimmung.

Der Winter ist nahe. Die Bäume ziehen ihre Kraft in die Wurzeln. Es scheint mir, als ob sich das ganze Leben nach innen zieht? Um Kraft zu sammeln für den nächsten Frühling.

Ich will diesem Beispiel folgen. Langsam werden, atmen, sein, dem Leben in Liebe folgen und vertrauen, dass alles gut geht!

© Norbert Kopf