Klabaucia

Zu dem Zeitpunkt, als ich Klabaucia kennen und lieben lernte, wusste ich von ihrem zügellosen Leben nichts.

Ich hatte sie bei der Bushaltestelle kennen gelernt, fragte nach ihrer Telefonnummer. Ich behielt sie in Erinnerung. Zu ihrer Überraschung rief ich sie früh am Morgen des nächsten Tages an und wir unternahmen kurzfristig eine gemeinsame Wanderung.

An diesem strahlenden Tag im Februar hatten wir alle Zeit der Welt für einander. Die tiefstehende Sonne vermochte es nicht, der Winterkälte entgegen zu wirken. Wie Edelsteine schimmer­ten Eiskristalle am Wegrand. Im Gehen wurde uns trotz der Kälte warm. Lange plauderten wir und entdeckten immer neue Gemeinsamkeiten. Es war verblüffend, welch ähnlichen Weg uns das Schicksal bereitet hatte.

Wir genossen das Herumstreifen in der Natur, malten beide mit Begeisterung. Als Lieblingssymbol mochten wir die Spirale, ohne, dass wir wussten, warum. Sie war wie ich im Sternzeichen des Zwillings geboren. Beide hatten wir zu manchem Augenblick Seelenschmerzen zu erleiden und waren dann wieder voll sprühender Energie. Unser beider Lebenskampf tobte zwischen den Polaritäten. Eine ungeahnte Vertrautheit, ein Gefühl inniger Nähe verband uns, obwohl wir einander erst seit zwei Stunden kannten.

Nach der Bergtour fuhren wir zu mir nach Hause und ich zeigte ihr mein kleines Haus und den Garten. Danach tranken wir Tee und plauderten endlos lange. Seit den Morgenstunden waren wir beisammen, lachten und fühlten uns wohl. Nun saßen wir am Sofa vor dem offenen Kaminfeuer und hörten feine, barocke Klänge von Albinoni. Dabei hatten wir uns in die Arme genommen.

Sie küsste mich zuerst langsam und innig. Ich genoss die feierliche Atmosphäre und schwebte in der Geborgenheit. Schon bald wurden ihre Küsse zügellos und fordernd. Ich hielt mich zurück, obwohl es mich zu ihr hinzog und ich Sehnsucht nach Liebe verspürte. Ich wollte den jungen Spross der Liebesblüte behüten, erinnerte mich des Gartens, in dem kräftige Pflanzen ohne Eile wachsen. Langsam wollte ich die heilige Liebe mit ihr entdecken und die Knospe behutsam weiterwachsen lassen.

Klabaucia nahm sich nicht die Zeit. Sie war in den Sog ihres Verlangens geraten, spürte den Zauber und wollte mehr. Klabaucia wollte alles. Sie fragte mich: „Was willst Du Dir aufheben, Du Narr. Es zählt doch nur der Augenblick“.

Nach kurzer Gegenwehr erlag ich ihr und wir durchlebten eine besondere Liebes­nacht, teilten beglückende Stunden. Fordernd dirigierte sie das Liebesspiel, wie ich es noch von keiner Frau kannte. In jener Nacht lagen wir eng aneinanderschmiegt im Schlafzimmer des alten Hauses. Ich fühlte die Wärme ihrer nackten Haut. Gegen Morgen, draußen war es noch finster, wandte sich Klabaucia aus heiterem Himmel von mir ab, stand eilig auf, zog ihre Kleider an und verschwand.

Im Gehen flüsterte sie mir ins Ohr: „Schön war es, mit Dir zu schweben. Aber nun, mein Schatz, vergiss mich und melde dich nicht wieder, das musst du mir versprechen!"

© Norbert Kopf