Meine erste Liebe

Sabina war anders und das im positiven Sinn. Ihr zartes Wesen, ihr kurzes, helles Lockenhaar, die schlaksige Art, wie sie sich bewegte. Das alles schien mir ein wenig weltfremd. Sie glich einer Tänzerin aus den Zwanzigerjahren, träumte gerne und viel. Genau wie ich!

Wir hatten uns im Starclub kennen gelernt. In einem altmodischen Wirtshaus hatten sie eine Jukebox, die wir ausgiebig fütterten. Musik aus den siebziger Jahren verband unsere Clique. Irgendwann war Sabina einfach da.

Langsam lernte ich das Mädchen mit den graublauen Augen kennen und lieben. Wir trafen uns immer öfter zu zweit. Wir ähnelten einander in vielerlei Hinsicht und fanden immer neue Gemeinsamkeiten. Eine Reise nach Italien!

Ich wurde ihr Vertrauter.

Ihre Eltern befanden sich gerade in einem Scheidungskrieg. Es fehlte der Rückhalt der liebevollen Mutter. Wir teilten unsere Alltagsgeschichten, lernten für die Schule. Oft lümmelten wir auf ihrem großen Sofa, hörten stundenlang Musik und redeten dabei wenig. Ich liebte die Musik, die sie mir vorspielte. Sie verstand mich und meine kleine Welt. Sie konnte mich so nehmen, wie ich war. Beide waren wir schüchtern und in der Liebe unerfahren. Sie sehnte sich wie ich nach Nähe, nach Berührung, nach Einheit und Liebe!

Eines Nachmittags verzauberte uns die Musik. Wir folgten ihr übermütig und ausgelassen, dann nach romantischen Tönen. Wir hielten einander. Nähe, Wärme, das Zusammenatmen ließ unser Blut schneller fließen. Sabina konnte so ungestüm sein. Ihre fordernden Küsse verwirrten mich. Es ging mir alles viel zu schnell. Einerseits zogen mich ihre zauberhaften Berührungen an. Meine männliche Kraft pulsierte in mir.

Andererseits glaubte ich, die warnende Stimme meiner Mutter zu hören, die mir die Gefahr ankündigte.

Ich wurde zum Zerrissenen. Ich ließ sie zärtlich sein und genoss. Sabina näherte sich mir forsch und voll Leidenschaft, in verzweifeltem Bemühen, mich aus meinem Schneckenhaus zu locken.

Ich konnte nicht mitgehen. Meine Kopfgedanken hatten gesiegt. Eine unbegreifliche Angst stand mir im Wege. Unfähig, die unselige Gedankenspirale los zu lassen und mich dem heiligen Erlebnis der ersten Liebe hinzugeben, rannte ich panisch davon. Im Nachhinein bereute ich meine Flucht. Oft habe ich diesem Nachmittag nachgeweint.

Der Bruch schien nicht mehr heilbar. Wir hätten unsere Gefühle aussprechen können. All dem Zauber jener Begegnung Worte verleihen können. Was war geschehen in Sabinas Zimmer? Warum hatten uns die romantischen Klänge verzaubert und dann getrennt?

Ich schämte mich zu sehr, einen ersten Schritt zu tun. Sie zu fragen oder ihr zu schreiben. Wir schwiegen beide.

Es war das Ende meiner ersten Liebe. Noch bevor sich die Knospe der Liebe zur Blüte entwickeln hätte können, endete die seltsame Begegnung?

Jahre später dachte ich immer wieder an Sabina. Was wäre geworden, wenn ich mich mit ihr auf die Italienreise begeben hätte?

Nie mehr wieder war ich meiner erste Liebe begegnet.

© Norbert Kopf