Mir träumte

vom Sterben.

Genauer gesagt von einem Weg, den ich alleine in der Nacht gehe. Aber es dämmert schon. Wolkenfetzen weiten sich vom Tal herauf zu Luftschlössern und lösen sich wieder auf. Es erhebt sich Licht, hellgrau, blassblau und rosa schimmert es. Der Tag ist geboren.

Ich will den steilen Pfad hinauf. Ich schwitze, mein Atem und mein Herz rasen. Ich bleibe stehen, trinke Wasser und wandere stundenlang fest entschlossen weiter, immer höher hinauf. Die sanften Hügel haben sich verloren. Nur noch Steine und gefrorene Erde. Wie im Rausch klettere ich, blicke nicht zurück. Alles ist längst zur Gratwanderung geworden. Aber ich habe keine Angst, abzustürzen.

So erreiche ich spät am Abend den Gipfel des Vulkans. Die Nacht kommt plötzlich. Mit ihr Eiseskälte, ein Wind, der zum Sturm wird. Gerade kann ich mich noch in einer Vulkanspalte verkriechen, die mir Schutz bietet. Die Elemente wirken gewaltig. Der Frost zieht sich in den Schlafsack und in meinen Körper hinein.

In jener Nacht komme ich an meine Grenzen. Ich zwinge mich, wach zu bleiben. Bewege mich! Die Füße und Hände sind schon steif. Ich murmle Gebete, denke an liebe Menschen. Die Zeit steht still. Ich bin am Abschließen. Irgendwann verliere ich mich in Halluzinationen. Die Todesnähe öffnet mir ein Fenster zu der Welt hinter dem Sichtbaren.

Mir träumte, dass die Erde zu beben und grollen beginnt. Die Göttin will die Erde mit der Macht des Feuers heilen und ich darf der Geburt des neuen Lebens aus nächster Nähe beiwohnen. Schwarze Rauchschwaden künden die sich aufbäumende Gewalt an. Aus den Kraterspalten sprühen Glutfunken zu einem Feuerwerk in den Nachthimmel. Immer neue Explosionen, immer höher ergießt sich Lava, der Druck im Erdinneren löst sich abrupt. Der ganze Berg explodiert!

Ich bin jetzt mitten im Geschehen. Es gibt kein Entrinnen mehr. Ich schaue dem Tod in die Augen und sehe die Erdenmutter. Die schwarze Göttin lacht mir zu. In unerträglicher Hitze verliere ich mein Bewusstsein, als glühende Felsen vom Himmel herabfallen. Die rote Urmasse verschlingt meinen Körper.

Immer höher steigt der Spiegel des Feuersees. Es brodelt und blubbert, Materie verbrennt zu einer Einheit reinen Lebens. Die orangefarbene Lava überströmt den Kraterrand und fließt frei den Berg hinunter, bis sich die abkühlende Masse verlangsamt. Aber immer neue Lava folgt dem Strom. Vor nichts macht er halt auf seinem Weg zum Meer. In hoher Konzentration reagieren Feuer, Wasser, Erde und Luft. Alchemie des Lebens.

Ich aber habe mich aufgelöst und versinke ins Inneren des Vulkans. Rund um mich herum ist alles in Bewegung. Ich spüre noch einen Druck, kurz währt der Schmerz. In der Glut verbrennt mein Körper und mit ihm schmelzen all die Seelenschmerzen. Die Erde hat mich im Feuer zu sich genommen, mein Sterben geschieht leicht.

Leise vernehme ich die Frage der Weltenmutter: „Wie viele Tode hast du schon geschaut? "

© Norbert Kopf