Sternstunde

Mit dieser Reise erfüllte ich mir einen Traum.

Ich reiste ganz alleine zur Südinsel von Neuseeland. Genauer gesagt in das Fjordland. Es sollte eine Reise zu mir selbst werden. Ich wanderte durch den Greenstone Nationalpark und weiter zum Routeburn Track. Es war im ersten Frühling, die Wege waren gerade geöffnet worden und so ist mir drei Tage lang niemand begegnet. Ich erlebte die Wildheit dieser Welt. Stundenlang durchstreifte ich den Regenwald und kam langsam zur Ruhe. Nur gehen, atmen, den Sinnen folgen und still sein. Und der Regen! Das alles hat in mir ein Fenster geöffnet mit Träumen und klaren Gedanken. Ich sah Wasserfälle, Spiegelseen und Eisberge, Urwaldbäume, Moosteppiche. Augenblicke!

Anfang und Ende liegen hier eng beisammen. Im Anblick dieser Urlandschaft verliert selbst das Sterben seine Schrecklichkeit. Es riecht feucht und modrig. Nach neuem Leben.

Wie eine Zwiebel mit unendlich vielen Schalenschichten kam ich mir vor und spürte, dem Kern näher zu kommen.

Nun ging diese Zeit dem Ende zu. Ich erreichte den Ausgangspunkt der Tour. Von Divide sind es mit dem Auto vierzig Kilometer bis zum Milford Sound, da fuhr ich kurz entschlossen hin. Über eine Passstraße, wo noch meterhohe Schneemauern empor ragten.

"Ich fahre entgegen dem Strom. Als ich beim Milford Sound ankomme, ist niemand mehr dort. Die Ausflugsschiffe liegen in den Peers, der Parkplatz ist leer, die Touristen haben das Paradies verlassen. Das Cafe, wo ich den Regen abwarten will, schließt.

Stürmisch ist es. Ich gehe zu den Peers und warte. Und ich habe Glück! Niemandem außer einem Liebespaar aus Kanada und mir wurde diese Sternstunde geschenkt.

Der Himmel reißt plötzlich auf. Ich bin aufgeregt wie ein Kind. Der Wind fegt helle und dunkle Woken fort. Der mächtige Mt. Mitre erscheint und spiegelt sich im Sound. Eine Sonnenstraße. Da kommen Delphine in die Bucht geschwommen und spielen. Zuerst drei, dann nochmals zwei, dann ganz viele auf einmal. Paarweise mit Jungen. Ganz nahe schwimmen sie am Ufer entlang. Ich bin verzaubert, ganz außer mir. Voll Freude, auch Tränen begleiten mich. Intensives Leben! Ich denke an liebe Menschen.

Erst jetzt erwache ich aus dem wirklichen Traum! Ich sehe nur noch schwarze Wolken am Himmel. Der Wind und Kälte haben sich wieder erhoben. Ich denke endlich daran, dass ich zurück muss. Ich hatte die Zeit vergessen!

Bei der Rückfahrt bekomme ich Herzklopfen. Als ich den Pass hinauffahre, schneit es schon und die Elemente toben. Gott sei Dank, es geht wieder bergab. Langsam und vorsichtig fahre ich die steile Bergstraße hinunter. Gott sei Dank, der Schneesturm weicht einem Wolkenbruch. Die siebzig Kilometer bis nach Te Anau fahre ich achtsam. Alles ist gut gegangen. So viel habe ich in kurzer Zeit erlebt.

In der Unterkunft erzähle ich von meinem Erlebnis mit den Delphinen und ein Japaner meint:

You must really be a very important person, that the Dolphins wanted to see you."

Jeder Mensch ist einzigartig und unendlich wertvoll!

© Norbert Kopf