Wurzelsuche - David erzählt:

Ich wurde 1933 in New York City geboren. Zusammen mit meiner Halbschwester wuchs ich in einem Waisenhaus auf. Von meinen leiblichen Eltern wusste ich nichts. Oft kamen Leute, die ein Kind adoptieren wollten. Dann mussten wir uns immer in einer Reihe aufstellen. Die Interessenten schauten sich alle Kinder an. Aber keiner wollte mich haben. Alle wollten ein Baby.

Eines Tages kamen zwei älteren Herrschaften. Sie wollten auch ein Baby adoptieren. Aufgrund ihres Alters wies man sie ab. Aber sie gaben nicht auf, riefen immer wieder an.

An jenem Tag sollten sie ein Baby bekommen. Aufgeregt warteten sie, bis die Formalitäten erledigt waren. Nervös gingen sie am Gang auf und ab. Ich schaute zu der Frau. Sie wurde neugierig und blickte ebenso gebannt in meine Augen, als ich das auch bei ihr tat. In diesen Augenblicken hat sich mein Leben gewendet.

Als sie in das Office gerufen wurden, wollten sie mich! Und als sie von meiner Halbschwester erfuhren, entschieden sie sich, kein Baby, sondern ein vierjähriges Mädchen und einen dreijährigen Jungen zu adoptieren.

Jener Tag wurde zur Sternstunde für mein Leben! Meinen Adoptiveltern ist es zu verdanken, dass ich rasch den Weg aus meinem Schneckenhaus fand. Sie gaben alles für uns. Sie liebten uns wie leibliche Kinder, schenkten uns Liebe, Zeit, Freude und Anerkennung.

Sie förderten meine mathematische Begabung. Ich durfte studieren und machte Karriere als Atomphysiker.

Viele Jahre später, als meine Adoptiveltern schon gestorben waren, begab ich mich auf die Suche nach meinen leiblichen Eltern.

Es dauerte lange, aber ich fand meine Mutter !

Ihr Name war Janet. Sie war schon über 80 und lebte in einem Altersheim für mittellose Leute in South Dakota.

Ich hatte mir eine Woche Auszeit genommen und fuhr hin. Tag für Tag erfuhr ich ein wenig mehr aus ihrem Leben. Als junges Mädchen aus gutem Haus hatte sie alle Chancen dieser Welt. Mit zwanzig spielte sie schon in einem klassischen Orchester als Solistin.

Aber das geordnete Leben, all die Erwartungen, das hatte sie bald satt. Sie brach aus dem Käfig aus.

Das Leben pulsierte in ihr. Jeder mochte sie. Janet verliebte sich permanent.

1932 glühte ihre Liebe zu meinem Vater kurz wie eine Sternschnuppe.

Warum sie mich damals nicht bei sich aufnahm, sondern in dasselbe Waisenhaus wie meine Halbschwester gesteckt hatte, erfuhr ich nie.

Janet zog weiter, lebte intensiv. Und immer wieder ist sie übersiedelt an einen neuen Ort.

Wie rasch ein Leben vergeht?

Am Tag meiner Abreise fragte ich sie nach meinem Vater und sie nannte mir seinen Namen.

Meine verloren geglaubte Welt kehrte überwältigend zurück. Recherchen führten mich zu der Universität, an der ich studiert und später selbst unterrichtet hatte. Die Sekretärin hob die Akte meines Vaters aus.

Er war Professor in derselben Fakultät! Und nicht nur mein Vater, auch mein Großvater war Professor an dieser Universität.

Mein Vater lebte nicht mehr.

Aber ich war sehr glücklich, meine Wurzeln gefunden zu haben.

© Norbert Kopf