Frau Hanni-Park oder die Grätzlhexn

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Frau Hanni war eine Institution im Laubepark - "Parkbetreuerin" und Grätzlhexn in einem. Sie war nicht die netteste Person, aber irgendwie schaffte sie es, viele Kinder um sich zu scharen. Die Unmengen an Spielsachen, die sie dabeihatte, zogen uns magisch an. Sie stellte Parkbänke auf und so enstand eine Art Kreis, in dem jeder willkommen war, der sich zu benehmen wusste. Wer es zu bunt trieb, bekam eine Strafe: Man flog aus dem Kreis , aber konnte immer wieder zurück.

Eines Tages flog sie selber beim Putzen aus dem Fenster. Sie fiel in ihre Wohnung und starb. Meine Eltern waren immer da für sie, tapezieren einmal den ganzen Tag gratis ihre Wohnung. Ich war dabei und sah zu. Da war ich vielleicht 6 Jahre alt.

Sie trug immer so dunkle, gemusterte Polyesterkleider, war korpulent, hatte rötliche krause lange Haare, die sie manchmal offen trug und oft zu einem Pferdeschwanz band. Man erkannte sie einfach aus der Ferne. Groß und stemmige Beine, saß gerne und war laut. Die Frau Hanni eben. Später dachte ich mir oft, so müssen die Menschen in den 70ern herumgelaufen sein. Diese Kleider, eng und aus Polyester, die alle Kurven freilegten, immer über Knielänge, weil es ja nichts anderes gab – die Knappheit eben. Meine Mutter behauptete dasselbe.

Für sie war irgendwann die Zeit stehengeblieben. Ich wuchs mit meinen drei Schwestern Mitte der 80er dort auf und verbrachte jede Menge Zeit im Park, weil dort viele andere Kinder waren. Wir hatten eine kleine Wohnung in der Alxingergasse und der Park lag gleich über der Quellenstraße. Als ich 4 war, beschlossen meine Eltern Salzburg zu verlassen und in die Universitätsstadt Wien zu ziehen. Sie waren Arbeiter und ich ein Arbeiterkind.

Alle Eltern und Kinder wussten, wer die Frau Hanni war. So sprachen auch alle vom "Frau Hanni-Park". Sie genoss den Ruhm. Sie sah sich irgendwie als Erziehungsperson und wir Kinder machten manchmal, was sie sagte. Wenn ihr jemand frech kam, konnte sie auch ziemlich giftig werden. Sie lief dann rot an. Meine Mutter meinte, wir sollen sie nicht ärgern.

Wenn wir brav waren, gab es Kochschokolade. Mir schmeckte sie nicht. Also nahm ich sie in den Mund, lief zum nächsten Mistkübel, und spuckte sie aus. Und Frau Hanni war zufrieden. Natürlich machte ich das dezent, ich wollte ja nicht, dass sie sauer wurde.

Irgendwann stand sie in unserer Küche. Wahrscheinlich wollte sie meinen Vater um einen Gefallen bitten oder sich über uns beschweren. Also wartete sie auf ihn. Irgendwann musste meine Mutter in der engen Küche an ihr vorbei, doch Frau Hanni rührte sich nicht vom Fleck. Da fragte meine Mutter, ob sie sie vorbeilassen würde. Frau Hanni verstand nicht, wo das Problem lag. Da bemerkte meine Mutter ihre Körperfülle. Als mein Vater von der Arbeit kam, verpetzte sie meine Mutter bei ihm. Sie sei gemein und hätte was über ihren Körper gesagt. Da fragte mein Vater scherzhaft: "Was soll ich jetzt tun, mich von ihr scheiden lassen?" Frau Hanni wurde rot und ging davon.

© Nunu