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#jugend

Meine erste Ohrfeige

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Meine erste Ohrfeige | story.one

Meine linke Wange brannte höllisch. Hatte mir diese blöde Kuh doch tatsächlich eine gescheuert! Mitten ins Gesicht. Sie war kräftiger als ich und ziemlich angepisst – auf die Welt und auf mich. Ich kannte sie gerade einmal zwei Minuten und schon kam es zu diesem intensiven Körperkontakt. Vor einem Zigaretten-Automaten in meinem Viertel gerieten wir aneinander. Es war schon Abend, meine Schwester und ich kamen von der Uni. Sie kam aus einem Kellerlokal, das in letzter Zeit Neonazis in Beschlag genommen hatten. Ihre Freundin und sie waren ähnlich gekleidet, geschorene Frisur mit seitlich herunterhängenden Strähnen an den Schläfen: Skins. Sie baute sich vor mir auf und sagte: "He, du. Hast du Wechselgeld?"

"Nein."

"Das glaub ich dir nicht."

“Ich hab kein Wechselgeld.”

"Du lügst. Du willst mir einfach keines geben."

Ich wollte gerade weitergehen. Da holte sie plötzlich mit voller Wucht aus und schlug mir ins Gesicht. Ich war benommen, musste mich sammeln. Meine Schwester zog mich weiter. Sie meinte, dass in dem Kellerlokal daneben wahrscheinlich eine Menge betrunkener Typen saßen, die nur allzu gerne ihre Freundinnen verteidigen würden. Ich sah ein, dass sie gewaltbereit war. Und eine Prügelei stand nicht auf meiner Tagesordnung. Meine Wange brannte wie Feuer in meinem Gesicht und irgendwie stieg Betroffenheit in mir hoch. Wieso muss das mir passieren? Wieso werde ich aus heiterem Himmel attackiert, muss ich einfach so eine Ohrfeige kassieren? Wir bogen um die Ecke. Ich hatte taube Ohren, sah die berühmten Sternchen. Nach ein paar Minuten hörten wir lautstarke Rufe hinter uns. Ok. Es gab kein Entkommen. Meine Schwester nahm ihre Ohrringe ab – wie im Film! Eines war mir klar: Meine Schwester halte ich da raus. Es reicht schon, was ich einstecken musste. Ins Gesicht geschlagen zu werden, ist extrem brutal. Hatten wir eine Chance? Da fuhr ein Auto vorbei mit einigen Jungs drin. Ich bat sie um Hilfe. Die lachten uns aus und riefen: “Ihr schafft das schon!” Ich war alleine in dieser Situation. Sie kam auf mich zu, ich schob meine Schwester beiseite und stieß sie weg von mir, das genügte. Sie fiel rücklings gegen ein Auto. Da entdeckte ihre Freundin plötzlich, dass sie auch etwas sagen konnte und rief: "Hör auf! Sie ist schwanger! Und meine Schwester: "Das fällt ihr jetzt ein? " Sie bekam Angst und ich hatte genug. Ich hatte mich verteidigt und die Auseinandersetzung beendet. Sie war nicht verletzt. Zu Hause sah meine Mutter mein Gesicht und schickte mich aufs Wachzimmer. Ich solle Anzeige erstatten. Die Wachbeamten meinten, sowas komme halt vor. Ich protestierte und nannte das Lokal. Keine Chance. Wieder taube Ohren. Die Beamten rührten sich einmal nicht vom Fleck. Nach einigem Hin und Her versprachen sie, ins Lokal zu gehen. Inzwischen war niemand mehr dort, wie wir am nächsten Tag erfuhren. Ich war wenig überrascht – hatten die Polizisten den beiden doch einen deutlichen Vorsprung verschafft, indem sie die Tat als Bagatelle abtaten.

© Nunu 2020-11-21

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