Mein "Arabischer Frühling"

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Mein "Arabischer Frühling" | story.one

Dezember 2010, ich habe erst einige Tage zuvor meine österreichische Staatsbürgerschaft wiedererlangt. Es brodelt in meiner Heimat Tunesien. Menschenmengen demonstrieren in allen Städten. Es ist ein aufregendes, unheimliches, beängstigendes Gefühl, aber ich bin stolz in diesem Moment dabei zu sein, alles live miterleben zu dürfen. Ausgangssperre abends - das kenn ich doch nur vom Fernsehen es herrscht eine eigenartige Stille.

Präsident Zine El Abedine Ben Ali spricht im staatlichen Fernsehen: "Es werde Reformen und Verbesserungen geben...". Klingt nach leeren Parolen!

Am 14.1.2011 ist eine große Demonstration auf der Avenue Habib Bourguiba, im Zentrum Tunis' angekündigt. Meine Eltern rufen mich an und beknien mich, dass ich ja nicht aus dem Haus gehe, es sei zu gefährlich und ich, als Mutter von 3 Kindern, soll auf keinen Fall ein Risiko eingehen. So lasse ich meinen Freund am Vormittag alleine in das Stadtzentrum fahren. Meine Nachbarin Zakia holt mich zu ihr in die Wohnung, "Al Jazeera" überträgt live aus Tunis. Wir sind Teil dieser Bewegung, des Bestrebens nach Machtwechsel, wir sind in Feierlaune.

Plötzlich wird Tränengas gegen die Demonstranten eingesetzt, Panik bricht aus. Es wird scharf geschossen. Wir beobachten alles via Fernsehen. Die Angst kriecht hoch - was ist mit unseren Freunden und Bekannten, die alle dort sind? Ich versuche meinen Freund Nader anzurufen, das Mobiltelefonnetz und die Internetverbindungen sind unterbrochen.

Mittels Proxy kann ich mich wenigstens noch ins Internet einwählen um meiner Familie Bescheid zu geben, dass ich mit meiner großen Tochter zuhause bin, meine jüngeren Kinder sind bei ihrem Vater.

Ausgangssperre wird ausgerufen. Mein Assistent meldet sich und warnt mich vor einem ehemaligen Mitarbeiter, der die Gunst der Stunde nutzen und es mir "heimzahlen" möchte. Ich verbarrikadiere mich zuhause - schiebe einen Schrank vor die Eingangstüre, lasse alle Rollos runter und harre der Dinge.

Keine Spur von meinem Freund...

Helikopter kreisen unweit von uns - wir wohnen in der Nähe des Flughafens. Schüsse fallen - es wird aus den Helikoptern geschossen - auf wen, wissen wir nicht. Es herrscht absolute Unsicherheit, Ungewissheit.

Ich bekomme einen Anruf des österreichischen Botschafters via Internet, der mich fragt, ob ich Interviews geben würde für österreichische Medien? Ja sicher! "Ich will, dass die Wahrheit berichtet wird" - aber vorerst nur anonymisiert, es ist viel zu gefährlich meine Identität Preis zu geben.

Die Zeitschrift "Österreich" meldet sich, kurz darauf der ORF, ob ich denn für die ZIB um 22h ein paar Fragen beantworten könnte: "Sehr gerne, aber vorerst ohne Namen"- meine Angst Repressalien zu erleben, ist zu groß.

Gegen 18h hören wir 2 Flugzeuge starten - wie wir später erfahren, Ben Ali und sein Clan.

Die ganze Nacht über chatten meine Tochter und ich mit Freunden um in Erfahrung zu bringen, ob sie in Sicherheit sind.

Es wird eine meiner längsten Nächte.

© NurduG