Was ich alles kann!

So ab 40 plagen uns doch immer wieder Zweifel, ob wir denn unseren Kindern alles wichtige im Leben mitgegeben haben, noch immer top im Job sind, dabei den Haushalt meisterlich schupfen, sexy mit High Heels gehen und charmanten Small-Talk führen können und wo den der Traumpartner geblieben ist...

Es kommt der Moment, an dem ich mir dachte : naja 2 Mal geschieden, 3 Kinder von 2 Männern, 9 Arbeitsstellen bis zu meinem 48 Lebensjahr inne gehabt, kein Erspartes, in 16 Jahren nur 3 Wochen Urlaub und seit 3 Jahren keinen festen Partner - was lief da schief? Hab ich denn irgendwas wirklich gut gemacht? Ich steckte in einer Lebenskrise - einer ganz massiven Krise - offensichtlich brachte ich ja gar nichts auf die Reihe....

Nach zahllosen schlaflosen Nächten, vielen Tränen zu Songs von James Blunt und Jason Mraz begab ich mich in psychotherapeutische Behandlung. So konnte ich nicht mehr weiter leben. Ich hatte völlig versagt, musste ich mir eingestehen.

Nach 2 Wochen intensiver Therapie, einigen Medikamenten und etwas mehr Schlaf kam die große Wende in einem Gespräch mit einer jungen Therapeutin.

Sie wollte meine Lebensgeschichte hören und lauschte meinen Erzählungen von meinen Erlebnissen in Tunesien, meiner zweiten Heimat, in der ich 17 Jahre gelebt hatte, wo ich den ersten multikulturellen Kindergarten gegründet und 9 Jahre lang geführt hatte, ein Unternehmen in der Baubranche als Frau mit 40 männlichen Mitarbeitern geleitet habe und dann wieder neu in Österreich begonnen hatte.

Ich berichtete von meinen 3 Kindern, die ich seit damals 10 Jahren als alleinerziehende Mutter mit Fulltime-Job, aber mit viel Liebe aufzog. Dem chronischen Geldmangel, den Sorgen, die sich aber auch Dank meiner erst vor ein paar Monaten verstorbenen Mama immer wieder auflösten. Wie es zu meinen Scheidungen kam, wie sie ausgingen, wie ich immer wieder finanzielle Katastrophen dadurch erlebte. Was ich in meinem Beruf als Geschäftsführerin in der Baubranche in Tunis alles durchzustehen hatte - Hammer-Attacken von beleidigten Maurern, sexuelle Belästigung durch Kunden, Erpressung von Mitarbeitern, Betrug und Lügen.

Meine Erfahrung als Korrespondentin für den ORF und schlussendlich wie ich nach Österreich zurückkehrte und wieder von Null weg begann.

Nach 1 1/2 Stunden blickte sie mich an und sagte: "Entschuldigen Sie den Ausdruck, aber Sie sind echt eine "geile Sau"!" - ich war sprachlos...

Wie konnte ich diese junge, kleine, zarte, aber auch tätowierte Frau so beeindrucken durch mein "Versagen" oder hatte ich doch vieles geschafft und Gutes getan?

Es war der Neubeginn für mich - Stolz, Freude, Respekt und eine gewisse Zufriedenheit breiteten sich aus.

Was ich alles kann!

© NurduG