Waschweiber und Don Johnson

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Waschweiber und Don Johnson | story.one

Meine Eltern hatten kein Geld für eine Waschmaschine. Deshalb mussten meine Schwestern und ich des öfteren zum Wäsche waschen in den Waschsalon gehen. Mit einem Plastiksackerl vom Zielpunkt in jeder Hand spazierten wir gemeinsam die Straße entlang.

Der Waschsalon war sehr klein und karg eingerichtet. Es gab nur zwei Waschmaschinen. Ebenso vier Sessel. Auf einem saß an diesen Tag eine ältere Frau und las Zeitung. Dann stand da noch ein kleiner Tisch. Auf diesem lagen die neuesten Klatschblätter. So sehr meine Schwestern und ich es hassten, die Wäsche machen zu müssen, freuten wir uns doch jedesmal darauf in den Zeitschriften schmökern zu können.

Aufgeregt blätterte ich in dem Jugendmagazin. Zu meiner großen Entzückung blickte mir Don Johnson entgegen. Seit Miami Vice war ich ein Riesenfan. So lautlos wie möglich versuchte ich sein Bild aus der Zeitung zu lösen. "Ritsch, ritsch" machte es. Nervös sah ich mich um. Hoffentlich bekam die ältere Dame nicht mit was ich gerade . Meine Schwestern blickten zu mir hinüber und grinsten. Sie hatten sich auch schon sehr oft Bilder von ihren Idolen aus den Zeitungen gerissen.

Ich zog fester an dem Stück Papier. "Ritsch" und plötzlich hatte ich es in der Hand.

"Hast du da gerade etwas aus der Zeitung rausgerissen", fuhr mich die Dame empört an. Schnell klappte ich das Heft zu und schob Don darunter. "Nein, habe ich nicht" log ich. "Ich habes doch ganz genau gehört" ereiferte sie sich. "Andauernd reisst ihr Seiten raus" "Das stimmt überhaupt nicht. Sie können ja nachsehen wenn sie wollen." Insgeheim betete ich das sie mein Angebot nicht annahm. Sie schnaufte nur und wandte sich wieder ihrer Zeitung zu. Ab und zu sah sie noch misstrauisch zu mir hinüber. Betont gelassen blätterte ich weiter in meinem Magazin. Als ihre Aufmerksamkeit nachließ, stopfte ich Don Johnson in meine Hosentasche. Dann schmuggelte ich die beschädigte Zeitschrift unter die anderen und nahm mir eine andere. Darin blätterte ich dann so laut herum, das die Frau jedesmal aufblickte. Ich warf ihr einen Blick zu. "Siehst du, alles vollkommen normal" sollte dieser signalisieren. Genervt sah sie mich an. Dann stand sie auf und packte vor sich hinmurmelnd ihre Wäsche zusammen. Nicht ohne sich immer wiederumzusehen.

Auf dem Heimweg kramte ich den zerknitterten Don aus meiner Hosentasche und betrachtete ihn. Er stand in seinem lässigen Anzug an einen schnittigen Sportwagen gelehnt und lachte in die Kamera. Ich war heute sehr zufrieden mit meiner Beute. Das Bild würde sich gut in meiner Sammelmappe machen.

© Nurjean 05.04.2020