Zu jung um schon tot zu sein

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Zu jung um schon tot zu sein | story.one

Leise klopfte ich an die Tür. „Herein.“ „Ich komme um eine Akte einzusehen“ sagte ich „Ziehen Sie eine Nummer. Sie werden dann aufgerufen.“ Ich zog eine Nummer, setzte mich auf einen Stuhl und wartete. Nac ehin paar Minuten bat mich eine junge Frau in ihr Büro und sah mich fragend an. „Ich bin gekommen um die Unterlagen meiner Schwester einzusehen.“ „Haben Sie eine Aktenzahl?“ „Nein leider nicht. Es ist schon über 20 Jahre her.“ Sie seufzte. „Eine lange Zeit. Ich weiß nicht ob wir die noch haben. Geben Sie mir mal Name, Geburts und Sterbedatum.“ Nachdem sie alles in ihren Computer getippt hatte, meinte sie: „Sie haben Glück. Die Akte ist noch da. Ich werde sie mal holen. Zwei Wochen später und sie hätten Pech gehabt. Sie schüttelte den Kopf. „Warum haben sie überhaupt so lange gewartet?“ Ich erwiderte nichts. Wie hätte ich ihr erklären können, dass ich es 23 Jahre nicht geschafft hatte, hier herzukommen um die Akte einzusehen. Das ich mich erst jetzt stark genug fühlte auszuhalten was ich sehen und lesen würde. Sie verließ den Raum und ließ mich alleine zurück. Während ich auf ihre Rückkehr wartete, schoßen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Ich würde nun zum ersten Mal nach fast 23 Jahren meine tote Schwester sehen, Ich würde erfahren wie sie gestorben war. Ich wusste natürlich das sie an einer Überdosis Heroin gestorben war. Doch ich hatte keine Ahnung, wann und wo. In der Szene wurden so viele verschiedene Versionen über ihren Tod verbreitet.

.Hier. Sie können die Akte kopieren wenn sie möchten“. Sie legte ein großes Kuvert auf den Tisch und setzte sich wieder an ihren Arbeitsplatz. Angespannt zog ich die Blätter aus dem Umschlag, Dabei fiel ein kleinerer blauer Umschlag heraus. „Das sind die Fotos“, sagte die Frau. Neugierig sah sie mich an. Ich zog die Fotos heraus und legte sie auf den Tisch. Da war sie, Sie lag in einer öffentlichen Toilette. Halb draußen, halb drinnen. Ihre Augen waren geschlossen.Als würde sie nur schlafen. Da waren Fotos auf denen sie entblößt war. Bei dem Gedanken das sie da halbnackt auf dem kalten Boden gelegen hatte, zog sich mir der Magen zusammen. Für die Menschen die sie gefunden und untersucht hatten, war sie nur ein weiteres Drogenopfer.Doch für mich war sie meine kleine Schwester. Das Mädchen mit dem ich fangen gespielt hatte, der ich bei den Hausaufgaben geholfen hatte. Mit ihr war ich zum ersten Mal von zuhause weggelaufen. Nach Amerika wollten wir. Nächtelang hatten wir zusammen in Diskotheken getrunken, getanzt und gelacht, Genau wie auf den Fotos war sie damals angezogen gewesen. Vor meinem inneren Auge sah ich uns zusammen Tanzschritte üben, Klamotten anprobieren. Auf eine längst vergangene Zeit blickte ich wenn ich die Fotos ansah. Auf ein altes Leben.

In meinen Träumen sehe ich sie mit Hunden über grüne, wild gewachsene Wiesen laufen. Dabei lacht sie und winkt mir fröhlich zu. „Bis irgendwann“, rufe ich ihr dann immer zu. „Bis irgendwann, kleine Schwester.“

© Nurjean