An meinen Bruder

Einfach so, ohne jegliche Vorwarnung, hat dein Herz aufgehört zu schlagen. Vor eineinhalb Jahren, während eines Urlaubes, einfach so.

Die Zeit rast dahin, mir kommt es so vor, als hätte ich dich zuletzt erst vor einer Woche gesehen. Bei jedem Familienfest bist du nicht einfach gekommen - nein, du bist erschienen. Du hattest eine starke Ausstrahlung, jedoch auch gepaart mit einer gewissen Unnahbarkeit.

1955 geboren, warst du das älteste von 9 Kindern. Ein paar Jahre lang sind dir jährlich weitere Schwestern gefolgt, zum Schluss die Nachzügler dann in 5-Jahres-Abständen. Deine Kindheit und Jugend war nicht leicht, doch hat dir das auch eine Stärke, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit mitgegeben. Als ich geboren wurde, bist du schon von zu Hause ausgezogen. Unser Vater hatte dich rausgeschmissen, weil du dich widersetzt hattest und gewisse Dinge nicht hinnehmen wolltest. Du wurdest vorzeitig für volljährig erklärt und bist nach Wien gezogen, auf dich alleine gestellt.

Später, als du dann wieder am Wochenende zu Besuch gekommen bist, habe ich dich erst richtig kennengelernt. Ich war da so ca. 4 Jahre alt. Jeden Samstag hast du vorm Haus deinen rot-schwarzen Opel Manta gewaschen und poliert, ich war da auch immer dabei. Und mir hat das als kleines Mädchen gefallen, ich bin zwar "nur" nebenher mitgelaufen, aber es war so eine schöne Zeit. Am Wochenende war das Haus immer voll, es war ein ständiges Kommen und Gehen. Ich wurde mitgenommen ins Freibad oder wenn du hintaus deiner Freundin das Autofahren beigebracht hast: auch da durfte ich mitfahren und fand das unglaublich aufregend. Die späten 1970er Jahre waren schon eine tolle Zeit!

Ich fand es auch immer wunderbar, einen so großen Bruder zu haben. Mit hat es imponiert, wie gut du dich in Politik, Geschichte und Geografie ausgekannt hast. Da wusstest du immer etwas zu erzählen, mit Erklärungen, warum, wieso, weshalb.

Du hast dich auch immer sehr für Psychologie und Philosophie interessiert. Bist den Dingen immer auf den Grund gegangen, hast dich viel mit unserer Familiengeschichte beschäftigt. Da sind wir aber auch einmal aneinandergeraten, wahrscheinlich auch wegen unseres Altersunterschiedes, ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht so weit wie du. Da sagtest du mal: "Ich stelle mich in meinem Leben nie mehr in die 2. Reihe." Und ich habe diese Aussage damals überhaupt nicht verstanden. Dabei ging es dir nur darum, dass du gesehen und angenommen werden willst. Das habe ich erst viel später erkannt.

Und mir ist auch erst viel später aufgefallen, dass du nie über andere Menschen geurteilt hast. Du hast jeden so sein lassen, wie er wollte. Und das hast du auch von anderen Menschen gefordert: dass sie dich so sein lassen, wie du sein willst.

Dein Leben ist leider einige Jahre zu früh zu Ende gegangen, aber ich finde, Du hast es gut gemacht!

Ich denk an dich!

PS: Als die gestorben bist war mein erster Gedanke: da wird die Mutti aber geschaut haben, dass Du so schnell gekommen bist!

© Olive