Therese lernt lesen

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Therese lernt lesen | story.one

Ma, Man, Mand, ein paar Klassenkameraden beginnen zu lachen. Therese spürt wie ihr heiß wird, sie versucht, die Buchstaben zum richtigen Wort zusammenzufügen. Sie tut sich unendlich schwer, endlich schafft sie es: Mandarine.

Die Lehrerin nimmt ein anderes Kind an die Reihe. Therese spürt noch die Hitze an ihrem Kopf. Der orangefarbene Rollkragenpullover macht die Sache mit der Hitze nicht leichter. Sie sitzt an ihrem Platz und schämt sich. Am liebsten würde sie weinen, aber sie reißt sich zusammen. Zu Hause übt niemand mit ihr und alleine tut sie es auch nicht.

Im Rechnen ist sie sehr gut, das fällt ihr leicht. Ohne Üben schafft sie einen Einser im Zeugnis. Doch mit Deutsch sieht es sehr schlecht aus: ein geschenktes Genügend gibt es dafür im Zeugnis der 2. Klasse Volksschule.

In den Sommerferien geht es wie jedes Jahr für zwei Wochen zur Verwandtschaft in die Steiermark. Dort hat Therese eine um ein Jahr jüngere Cousine, die gerade die 1. Klasse Volksschule absolviert hat. Und so dauert es nicht lange bis deren Mutter auffällt, dass Therese so gut wie gar nicht lesen kann.

Und so kommt es für Therese zu einem seltenen Glücksfall: jemand nimmt sich Zeit für sie!

Ihre Tante Leni setzt sich jeden Tag am frühen Abend mit Therese alleine in ein Zimmer. Mit dem Deutschbuch ihrer Tochter aus der 1. Klasse üben sie jeden Abend eine halbe Stunde lang das Lesen. Zu Beginn sträubt sich Therese noch dagegen, es ist ihr unangenehm, dass sie so gar nichts kann.

Doch Tante Leni (ja, der Name ist Programm: sie ist genauso wie man sich eine Tante Leni vorstellt!) schafft es mit ihrer unendlichen Geduld und Ruhe, dass sich täglich kleine Erfolge einstellen. Nach ungefähr 10 Tagen ist das Buch durchgearbeitet und Therese ist ganz stolz: sie kann endlich lesen!

Als im Herbst das neue Schuljahr beginnt ist in Thereses Leistung fast kein Unterschied zu den anderen Schulkindern mehr zu bemerken. Sie hat keine Angst mehr, wenn sie zum Vorlesen drankommt. Ein tolles und befreiendes Gefühl! Im Zeugnis der 3. und 4. Klasse Volksschule bekommt sie in Deutsch ein Gut.

In der 1. Klasse Hauptschule schafft sie es beim Einstufungstest in die erste Leistungsgruppe. Bücher sind ihre Freunde geworden.

Liebe Tante Leni: Ich bin Dir unendlich dankbar, dass Du mir das Lesen beigebracht hast!

© Olive 14.08.2019