Thereses 6. Geburtstag

Es war ein Morgen im Oktober 1979, die älteren Geschwister waren bereits unterwegs zur Hauptschule bzw. zur Arbeit.

Die Sonne schien und versprach eine schönen Herbsttag. Es war Thereses 6. Geburtstag. Sie stand in der Küche, ihre Mutter stellte sich ihr gegenüber hin, gab ihr die Hand und sagte: „Alles Gute zum Geburtstag. Ich kann dir nichts geben, denn ich habe selber nichts. Aber du bist wenigstens noch jung und gesund.“

Therese hatte schon geahnt, dass sie kein Geschenk bekommen würde. Die Worte ihrer Mutter verstörten sie und sie wusste nichts recht damit anzufangen. Und so sagte sie hoffnungsvoll und mit froher Stimme zu ihrer Mutter: „Kannst du heute zum Mittagessen Grammelknödel machen?“

Doch ihre Mutter erwiderte: “Nein, du weißt ja, das isst der Klaus (Thereses älterer Bruder) nicht gern.“

Und so machte sich Therese niedergeschlagen auf ihren Weg in die Volksschule. Sie dachte an ihren Papa, der ein paar Monate zuvor die Familie verlassen hatte. Vielleicht würde heute Nachmittag ihr Papa kommen und ihr ein Geschenk bringen, dachte sie.

Doch es geschah an diesem Tag nichts mehr, niemand nahm Notiz von ihrem Geburtstag. Ihr Vater kam nicht, es gab nicht ihr Lieblingsessen und auch keine Geburtstagstorte.

Es gab auch in den Jahren danach keine Geschenke zum Geburtstag oder zu Weihnachten von ihren Eltern, kein Nest zu Ostern und keine gefüllten Stiefel zum Nikolaus und natürlich auch keinen Adventkalender.

Ihr Vater kam seinen Unterhaltsverpflichtungen nur unregelmäßig und unzureichend nach. Ihre Mutter - schwer depressiv - schaffte mehr schlecht als recht den Tagesablauf als Hausfrau. Sie hatte keine Energie mehr für das letzte ihrer 9 Kinder. Es war egal, dass Thereses Haare ungekämmt blieben, Hausübungen wurden nicht kontrolliert und es wurde nicht für die Schule geübt.

Hin und wieder kam eine Frau von der „Fürsorge“. Doch von Fürsorge war nicht viel zu spüren. Anscheinend war es nur wichtig, 1 - 2 x im Jahr für den Jugendamtsakt nachzuweisen, dass ein Hausbesuch absolviert wurde.

Kein eigenes Bett, kein Schreibtisch, kein Fahrrad, kein Telefon, Plumpsklo, keine Zentralheizung (im Winter hatte es morgens in der Küche 12 Grad). In der Schule am Rand stehend. Der Deutsch-Lehrer hat Therese mit dem Nachnamen angesprochen, die Tischnachbarin natürlich mit dem Vornamen.

Vierzig Jahre sind seit ihrem 6. Geburtstag vergangen. Die Eltern längst tot.

Fast an jedem Geburtstag wandern Thereses Gedanken zurück in ihre Kindheit. Sie möchte keine Geschenke und keine Torte. Jetzt nicht mehr.

© Olive