Das Gewissen des Zerstörers

Das Feld zwischen Ignoranz und Hysterie ist riesig und wird von vielen verantwortungsvollen Menschen, die beide Extreme ablehnen, bearbeitet. Sie bekommen derzeit wenig Aufmerksamkeit.

Die Distanz zwischen dem Präsidenten mit der auffälligen Frisur und dem jungen Mädchen mit der nicht minder auffälligen Frisur ist ebenfalls riesig, und erhält enorme Aufmerksamkeit - und das bringt uns ... was? Mehr Bewusstsein für die Sache?

Ich sitze an einem Lagerfeuer, an der Grenze meines Grundstückes. Der Wald dahinter erscheint wie eine schwarze Wand. Es ist knapp vor Mitternacht. Die Flammen des Feuers wärmen mein Gesicht, meine Brust, meine Knie, die Flammen des Whiskeys meine Kehle und meinen Bauch.

Es macht mich nachdenklich, wenn ich sehe, wie gesellschaftliche Systeme überreizt werden.

Am Platz gegenüber sitzt ein guter, alter Bekannter mit wirrem, weißen Haar. Hinter ihm steht der Vollmond am Himmel und verpasst ihm einen Heiligenschein. Das erinnert mich wieder an das Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen und ihre mediale Darstellung.

Ich stelle eine Frage in den Raum ...

"Warum kann ich weder mit den Ignoranten noch mit den Hysterikern?"

... und ernte ein amüsiertes Lächeln.

"Weil Du weder ignorant noch hysterisch bist."

Ist die Menschheit der Evolution entglitten oder befinden wir uns auf einem vollkommen normalen Entwicklungspfad?

Das Weltbild meines Gegenübers bietet ein nüchternes Erklärungsmodell. Es gibt nichts in diesem Universum, das dem Kausalitätsprinzip zuwider laufen kann. Belebt oder unbelebt, spielt keine Rolle. Der Glaube, es hätte auch anders laufen können, als es gelaufen ist, muss demnach ein Aberglaube sein.

"Wir können tun, was wir wollen, aber wir können nicht wollen, was wir wollen."

Ich nicke nachdenklich.

"Demnach will ich, was ich von der Welt zur Verfügung gestellt bekomme, nicht wahr?"

"Niemand ist frei."

Ich finde den Gedanken tröstend. Er amüsiert mich sogar ein klein wenig. Ich habe das Gefühl, zurecht gerückt zu werden. Ich mag ja eine einzigartige Schneeflocke auf dieser Welt sein, aber die Bedeutung, die ich mir selbst und meinem Wirken zuschreibe, ist so klein wie ... eine Schneeflocke.

Die einzigartigen Menschen mit den außergewöhnlichen Frisuren können auch nicht wollen, was sie wollen. Die Welt hat sie geformt, ihre Zellen haben gelernt, und da sind sie nun und tun, was sie für richtig halten. Und dafür werden sie von uns allen bewertet. Kategorisiert. Als gut oder böse und ein bisschen gut oder ziemlich böse in Schubladen eingeordnet. Und mit Bedeutung überladen.

Ich spreche meine Gedanken laut aus. Das prasselnde Feuer untermalt meine Stimme.

"Dann bin ich ein Teil der Krankheit. Ich bin einer der Zerstörer. Trotzdem quält mich mein Gewissen kaum. Warum?"

Mein Gegenüber zieht die Brauen hoch.

"Ganz einfach. Du arbeitest mit Engagement an einem Teil der Lösung."

"Ich fühle mich wohl in meiner Rolle."

"Du kannst es Selbstheilung nennen, mein Freund."

© Oliver Juli