Das Konzert im Odeon des Herodes Atticus

Oft reicht eine bestimmte Facette oder eine spezielle Eigenart, um deine Emotionen zu wecken und deine Leidenschaft zu entzünden.

Vor vielen Jahren wurde meine Frau von einem Arbeitskollegen mit dem Essen und der Musik seiner Heimat infiziert. Seitdem liebt sie Tzatziki und den Klang der Bouzouki. Das Überleben der Schildkröten Kretas liegt ihr am Herzen, der viele Müll schwer im Magen. Schöne Strände und hohe Temperaturen erwecken ihre Lebensgeister, das tiefblaue Meer ängstigt sie zutiefst. Sie liebt Griechenland, ohne einen schlüssigen Grund dafür nennen zu können. Es ist nicht wichtig. Ich kann sie sehr gut verstehen.

Mitte Juni herrschen in Athens Innenstadt chaotische Zustände. In den überhitzten engen Gassen prallen Obdachlosigkeit und fehlende Perspektiven auf absurden Reichtum. Wir schlendern in der Blauen Stunde zurück zu unserem Hotel. In Exarchia blühen die Subkulturen. Hauswände sind ausnahmslos mit Graffitis verziert. Ein Plakat erregt die Aufmerksamkeit meiner Frau.

Giorgos Dalaras im Odeon des Herodes Atticus. In 3 Tagen.

Für meine Frau ist die Musik Dalaras' ein Wegbegleiter. Daheim stehen Langspielplatten im Regal, die Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Das Odeon ist der vielleicht spektakulärste Veranstaltungsort der Welt - ein Jahrtausende altes Theater am Fuße der Akropolis, 5000 Zuschauer fassend. Wenn auf der Bühne eine Stecknadel zu Boden fällt, hörst Du den Aufprall oben in der letzten Reihe.

Aber leider ein Querbalken- Sold Out. Wie schade!

Am Abend vor dem Konzert sitzt meine Frau im Schneidersitz am Bett in unserem Hotelzimmer. Ihre Augen leuchten im Widerschein des Tablets. Ich habe eine griechische Seite gefunden, sagt sie, da gibt es noch Karten. Worauf wartest Du, sage ich, da müssen wir zuschlagen!

Ich sehe Zweifel in ihrer Mimik. Wir laufen zur Rezeption. Können wir der Seite vertrauen? Aber ja doch, in dem Webshop kaufen alle. Zwei Tickets in den Warenkorb. Funktioniert. Wir geben die Daten der Kreditkarte meiner Frau ein. Funktioniert nicht. Für Internet-Nutzung nicht freigeschalten. Verdammt. Meine Karte können wir leider nicht verwenden.

Kleiner Exkurs. Athen ist neben Rom das Mekka der Taschendiebe. Das behauptete zumindest die Mitarbeiterin des österreichischen Konsulats, die mich betreuen durfte. Wir waren nämlich noch keine volle Stunde in der griechischen Hauptstadt, da wurde mir von einer jugendlichen Bande in Sekundenschnelle und äußerst trickreich mein Rucksack abgenommen. Inklusive meiner Kreditkarten.

Eine Idee muss her. Ein Blick in die Augen meiner Frau fördert meine Kreativität!

Ich wähle die Nummer eines Freundes. Er ist natürlich ohne seine Geldbörse unterwegs, aber es gibt einen Ausweg. Ein Anruf bei seiner Tochter daheim - sie gibt mir die Daten durch. Ein weiterer Anruf bei meinem Freund - TAC-SMS und Passwort durchsagen und eintippen. Klick. Gekauft!

Die Freudentränen meiner Frau beim Betreten des Odeon werde ich wohl nie vergessen.

© Oliver Juli