Das Ziel

Am Ende des Weges erwartet uns das Ziel.

Beim 3. Wiener Eisbärlauf am 17. März 2019 läuft meine Schwester in 1 Stunde 46 Minuten und 36,2 Sekunden persönliche Bestzeit im Halbmarathon. Beim Training die Tage danach verspürt sie starke Schmerzen in der Brust, sie geht zum Arzt. Die Diagnose: Herzbeutelentzündung.

Zehn Tage später feiert sie ihren 47. Geburtstag.

Sie muss ihr Training auf Null setzen, ihren geplanten Start beim Ironman-Triathlon in Klagenfurt - ihren dritten in ununterbrochener Reihenfolge - stornieren.

Helmut und mich verbindet beinahe ein halbes Leben. Als er in meinem kleinen Team als Software-Techniker beginnt, schreiben wir 1998. Aus der beruflichen Zusammenarbeit entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. 2018 soll ein besonderes Jahr für uns werden. Zuerst sein 40., dann mein 50. Geburtstag.

Am Donnerstag den 5. April 2018 sehen wir uns gemeinsam ein Fußballspiel im Fernsehen an und trinken ein Glas Weißwein, am Sonntag den 8. April startet Helmut zu seinem ersten Halbmarathon. Obwohl er sich nicht hundertprozentig fit fühlt, will er endlich das Hochgefühl genießen, ein großes Lauf-Event absolviert zu haben, so wie viele seiner Freunde vor ihm, so wie auch ich. Sein Ziel, die Zwei-Stunden-Marke zu knacken, ist ambitioniert.

Als Helmut an den Start geht, drehen meine Frau und ich in unserem Garten ein Geburtstagsvideo für ihn. Für die Party am kommenden Samstag werden die letzten Vorbereitungen getroffen. Happy Birthday Heli!

Den Anruf erhalte ich am Nachmittag. Er lässt eine Welt zusammenbrechen.

Warum haben nicht einfach seine Beinmuskeln versagt? Warum ist ihm nicht einfach nur schlecht geworden? Warum musste nach 20 Kilometern - so knapp vor dem Ziel - gleich sein Herz stehen bleiben? Einfach so und für immer?

Ende April 2019 ist meine Schwester im Krankenstand, wir besuchen sie daheim, es geht ihr nicht gut. Die Schmerzmittel helfen kaum, die Heilung wird lange dauern, sie muss sehr auf sich Acht geben.

Meine Mutter macht sich verständlicherweise große Sorgen. Wir sind ihre Kinder. Ob ich es auch für sinnvoll halte, dass meine Schwester, ihre Tochter, mit dem Leistungssport Schluss macht? Nein, sage ich. Der Sport ist ihr Leben. Sie muss wieder gesund werden, um den Wörthersee zu durchschwimmen, um sich auf ihr Rennrad zu setzen und anschließend den Marathon zu laufen. Meine Mutter sieht mich unglücklich an. Wir machen uns auch Sorgen um Dich, sage ich, Du rauchst seit Jahrzehnten viel zu viel.

Wir können uns vielen Aufgaben stellen und viele Ziele erreichen. Aber am Ende des letzten Weges erwartet uns der Tod.

© Oliver Juli