Europa - wo soll ich nur anfangen?

So gerne würde ich eine persönliche Geschichte über mein Europa schreiben. Weil ich ein glühender Europäer bin. Weil Europa eine großartige Idee ist. Ein buntes, spannendes und herausforderndes Durcheinander. Liebenswert. Begehrenswert. Etwas, wofür es sich hart zu kämpfen lohnt.

Aber noch kann ich nicht mit dem Schreiben beginnen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich in letzter Zeit zuwenig um meine Freunde gekümmert habe. Altmodisch, wie ich manchmal bin, versuche ich es telefonisch.

„Hey du, ich kann grad nicht sprechen, ich bin in München bei einem Kunden. Kann ich Dich später zurückrufen?” Klar doch, kein Stress.

Der nächste Freund, mein Trauzeuge, hebt nicht ab, ich werde zu seiner Assistentin durchgestellt.

„Herbert? Der ist gerade in Prag. Auf einer Konferenz. Kann ich ihm etwas ausrichten?” Nein danke, ich versuche es am Abend.

Konferenz? Verdammt. Ich wollte ja noch meinen Konferenzbeitrag für das Panel fertigstellen, das übernächste Woche in ... wo zum Teufel findet die Veranstaltung statt? In Stockholm? Oder in Helsinki? Irgendwo im Norden jedenfalls, in Skandinavien, ich bin ziemlich sicher.

Egal, es wird mir wieder einfallen. Vielleicht kann ich den Vortrag nochmals verwenden, den ich vor einem Monat in Sofia gehalten habe. Damals stand das Thema Innerstädtische Energieeffizienz im Zentrum. Genau, den nehme ich als Vorlage. Da komme ich mit ein paar wenigen Änderungen durch. Und wenn ich es geschickt anstelle, kann ich die Präsentation Ende Juni in Athen nochmals verwenden. Die Sessions gleichen sich ohnehin wie ein Ei dem anderen.

Das Telefon klingelt.

„Hello Jacob, how are you?“ Jacob ist Inuit, sein Englisch schwer zu verstehen. Konzentriert zuhören.

„Nuuk? Where the hell is Nuuk? Really? A new city district with solar technology? For sure, no doubt, this is exactly where we want to go.“

Natürlich. Die Kollegen in Kopenhagen sind auch für Grönland zuständig. Und in Nuuk gibt es tatsächlich mehr Sonnenstunden im Jahr als bei uns in Wien? Das muss ich unbedingt nachprüfen.

Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, der Vortrag für Stock ..., oder war es für Helsi ..., nein, ich fahre nach Oslo, oder? Verdammt, habe ich eigentlich schon ein Hotel gebucht?

Später am Abend. Ich treffe meine zwei besten Freundinnen zum Abendessen. Ist längst ein Ritual geworden, wir treffen uns jedes zweite Monat. Diesmal hat Vesna ein Tapas-Lokal gewählt, mit großartigem Essen und hervorragenden Weinen. Die grünen gegrillten Paprikas habe ich in Barcelona zum ersten Mal gegessen. Mit grobem Meersalz. Herrlich.

Vesna ist gebürtige Serbin und möchte demnächst in Wien ein Lokal eröffnen. Ildiko und ich finden es eine grandiose Idee. Ildiko stammt aus Ungarn, ist aber in Italien aufgewachsen. Ich beneide sie um ihre überragenden Sprachkenntnisse. Da fällt mir ein:

„Könnt ihr mir bitte weiterhelfen? Ich will über mein persönliches Europa schreiben, aber ich weiß echt nicht, wo ich anfangen soll.“

© Oliver Juli