#welten

Ein Mann hat in einem Schwimmbad in Frankfurt seinen ... ausgepackt - Skandal! - lese ich. Gepostet hat das das eine meiner Freundinnen. Komisch, denke ich, warum tut sie das? Ja, es ist schlimm, aber von solcher Relevanz? Da sehe ich, es handelt sich um einen Afghanen. Darum also. Ich kommentiere und frage, warum sie das (öffentlich) teilt. "Weil es mich betroffen macht", erhalte ich als Antwort.

Seit mehr als 20 Jahren sind wir befreundet. Wir haben uns kennengelernt, bevor wir Mütter wurden, am Arbeitsplatz, nicht lange nach dem Schulabschluss. In diesen zwei Jahrzehnten haben wir uns oft am Nachmittag zum Kaffee getroffen, unsere Kinder haben miteinander gespielt. Die guten und schlechten Dinge im Leben ausgetauscht, uns gegenseitig Trost gespendet, uns mit der anderen gefreut.

Bis sie beschloss, einen Facebook-Account anzulegen und sich auch im Online-Leben mit mir zu verbinden. Zu der Zeit, als tausende Menschen nach Österreich kamen. Während ich am Bahnhof, in Unterkünften oder beim Deutsch lernen half, postete sie jede Schlagzeile von "Krone", "Bild", "wochenblick" und "unzensuriert", die damit zu tun hatte, dass einer der zugewanderten Menschen etwas Verbotenes getan hat - inklusive der Gratis-Handy-Lügenschichten und anderer Fake-News.

Ich war mehr als einmal schockiert, was sie da so teilte. Oft kommentierte ich, auch mit Links zu Seiten, auf denen die Lügen aufgedeckt und die Tatsachen berichtet wurden. Damit zog ich mir natürlich den Hass ihrer "Freunde" zu, aber das war mir egal. Viel von diesem Blödsinn konnte ich nicht so stehen lassen.

Heute ist es also der Afghane im Schwimmbad, der sie betroffen macht. "Hättest du das auch gepostet, wenn es Deutscher gewesen wäre?" frage ich. Keine Antwort. Weil für mich ist die Handlung an sich nicht okay, unabhängig von der Nationalität.

Ein paar Tage später kommt wieder was, eine Hetzmeldung aus dem rechten Eck. Da platzt mir der Kragen und ich schreibe ihr unter den Post, dass ich mir nie gedacht hätte, dass eine gebildete und kluge Frau wie sie sich zu so etwas hinreißen lässt. Und, dass es besser wäre, unsere Online-Freundschaft jetzt zu beenden. Schwupps, ist der geteilte Link gelöscht.

Mein Handy ertönt. Was ich mir denken würde, sie öffentlich so bloßzustellen, meint sie via WhatsApp. Ich antworte, dass sie es selbst in der Hand hat, wer sehen kann, was sie teilt. Dann schreibt sie, dass ich mal in ihren Ort kommen soll. Wie es da zugehen würde! Marihuana rauchende afghanische Jugendliche vor dem Supermarkt. Sie hat Angst um ihre Kinder.

Gut, entgegne ich, sehr gerne. Wenn sie eine Einladung in meinen ehrenamtlichen Deutschkurs annimmt und die sieben Menschen trifft, mit denen ich seit ein paar Monaten Deutsch lerne, die mittlerweile meine Freunde sind. "Sicher nicht!" ist die letzte Nachricht von ihr.

Wir grüßen uns im Stiegenhaus, wenn wir in der Arbeit zufällig aufeinander treffen. Mehr nicht. Arg.

© opfisine