Paddeln auf Tschechisch

Entspannt sitze ich mit Mike auf der Sonnenterrasse direkt über der Bootsanlegestelle in Vyssi Brod an der Moldau. Interessiert beobachten wir, wie die grünen Schlauchboote eines nach dem anderen vom Stapel gelassen werden. Kinder in bunten Schwimmwesten, Jugendgruppen, ganze Familien samt Hund starten hier ihre Flusstour moldauabwärts. Weiße Tonnen mit roten Deckeln wie von überdimensionalen Senftuben dienen als Aufbewahrungsort für alles, was trocken bleiben soll.

Amüsiert bemerken wir, dass es richtige Themenboote gibt. Sechs kichernde, tschechische junge Frauen um die 20, alle in gut gefüllten pinkfarbenen Badeanzügen mit Tütüs besteigen unter großem Hallo ihr schwankendes Boot. Anscheinend eine Junggesellinnen-Abschiedsparty. Während die pinkfarbenen Wassernixen lustig lospaddeln, kollidieren sie fast mit einem ausladenden, aus Tonnen zusammengebauten Floß, das unter einer schwarzen Piratenflagge flussabwärts treibt. Ein dickbäuchiger Steuermann mit Augenklappe schreit laut "Ahoi". Seine Crew grölt angeheitert. Laute Rufe und Gelächter fliegen zwischen den Booten hin und her.

Mike will nun auch los. Schade, dass wir kein Kostüm haben. Immerhin setze ich jetzt ungeniert meinen geblümten Stoffhut auf, klettere in den Bug und versuche mit meinem Paddel ein Kippen zu verhindern, als Mike unsere Tonnen verstaut und sich selbst ins Boot hievt. Flott paddeln wir los, unter der ersten Brücke durch. Das Steuern ist gar nicht so einfach, schnell fliegen die ersten Schuldzuweisungen und unser Gefährt trudelt im Zickzack-Kurs knapp am Brückenpfeiler vorbei. Ein vollbesetztes Familienschlauchboot mit feixenden Kleinkindern überholt uns zügig unter "Ahoi"-Rufen.

Unser Ehrgeiz erwacht, wir paddeln los wie die Wilden, der Fluss wird breiter und vor uns erscheint das Piratenfloß, das wir sportlich überholen. Die dicklichen Piraten prosten uns zu. Wir schleudern ein lässiges "Ahoi" zurück.

Da taucht das erste Wehr auf, vor uns steuern die pinkfarbenen Tütüs gekonnt nach links, genau in die Einfahrt der Flussstufe. Ihr Boot kippt nach vorne, das Heck hebt sich und entschwindet plötzlich aus unserem Sichtfeld, mir wird mulmig. Jetzt sind wir dran. Eine große Welle befördert unser Boot abwärts, es fühlt sich wie Fallen an. Bei der Landung taucht der Bug tief ins dunkelgrüne schäumende Wasser, das mir ins Gesicht spritzt. Gerade noch passieren wir die Stromschnellen ohne zu kentern. Mir wird heiß, beflügelt paddeln wir eifrig weiter, überholen auch stolz die pinkfarbenen Badeanzüge.

Doch langsam fühle ich an meiner Hand eine Blase, die Sitzbank wird auch immer härter. Schließlich legen wir erschöpft mit schmerzenden Gliedern an. Während wir rasten, ziehen wieder alle Boote an uns vorbei.

Niemand paddelt. Die Einheimischen, lässig in den weichen Schlauchbooten lungernd, überlassen dem Fluss die Arbeit. Viele haben Getränkeflaschen im Wasser treiben. Sie prosten uns fröhlich zu, Ahoi!

© Orangegirl