Das Unglück sieht alles

6:30 Uhr, Sonntag - Zweiter Advent. Ich stehe an der Whatelse, erwarte mehr süchtig als sehn meinen Espresso. Da trappelt es hinter mir. Schlaftrunken an seinen noch mehr im Drüben sich befindlichen Augen ribbelnd, steht er Liebe versprühend da - mein Sohn, Luca. Bevor es zur rituellen Morgenumarmung kommt, entsorgt er noch schnell die in seinen Armen befindlichen Stofftiere und weitere Wichtigkeiten, die er am Abend ins Bett mitnimmt, um sie am Morgen wieder der Allgemeinheit im Wohnzimmer zu Teil werden zu lassen. Er ist wahnsinnig freizügig.

„Papi, welches Säckchen darf ich heute aufmachen“, fragt er - zielstrebig zum Adventkalender stolpernd. „Den Neuner“, murmel ich, wenig erfreut über die unerwartete Morgengesellschaft. Setze mir den ersten Schuss Koffein, während ich langsam erwachend durchs Küchenfenster ins winterliche Nichts starre. Etwas drängt mich dazu, mich intuitiv umzudrehen. „Luca - nein!“ rufe ich, „nicht drei Säckchen im Voraus öffnen. Das bringt Unglück!“ Liebevoll und ahnungslos, was damit gemeint sei, blickt er mich mit seinen von Klimperwimpern umrandeten Kulleraugen an, „Unglück, Papi? Was ist das?“

Im Gegensatz zu Luca weiß ich sehr wohl, was Unglück bedeutet, denn meine Großmama beherrschte es, mir von selbigem pausenlos zu erzählen und mich vor ihm eindrucksvoll zu warnen. „Wenn es an der Türe klopft, du sie öffnest, und niemand steht draußen, dann lässt du den Tod herein“, war einer ihrer Gänsehaut-Klassiker. „Öffnest du ein Türchen des Adventkalenders im Vorhinein, wird ein Familienmitglied sterben“, ein weiterer. Nasse Wäsche über den Jahreswechsel am Wäscheständer – Tod. Kerzen am Adventkranz in der falschen Reihenfolge anzünden – Tod. Meine Großmama wollte mir nicht Angst machen. Sie glaubte daran.

Als es wieder einmal Advent war – ich muss so um die 10 Jahre alt gewesen sein – galoppierte mir die Gier nach Schokolade durch den Sinn - und ich hinterher. Das brachte mich dazu, gleich sechs Adventkalender-Türchen im Vorhinein zu öffnen. Niemand hatte mich dabei gesehen, niemand würde es bemerken - sorgfältig schloss ich die Türchen nach dem Verzehr. Alles gut.

Weit gefehlt – denn das Unglück sieht alles!

Ich hätte mit meiner Tat die unseeligen Warnungen der Großmama als berechtigt unter Beweis stellen und ihre Familienehre retten können, denn zwei Wochen später - vier Tage vor Weihnachten - wurde sie feierlich beerdigt.

Doch bis zum heutigen Tage weiß niemand, dass ich es war. Und das soll auch so bleiben.

© Oskar Hejlek