wildschweinwürstel

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ich hatte eine intension.

meinem sohn die lust auf das fleisch essen zu nehmen.

"er ist zu jung dafür. mach es nicht",

"bist du irre? du wirst ihn schädigen"

diese und andere tipps, ermutigten mein vegetarisches `ich` in mir, dass zu tun, was ich für richtig hielt.

wenn er fleisch essen will soll er wissen woher es kommt.

tote tiere kaufen und essen - ja? dann bitte von anfang an. wir gehen auf die jagd.

so kam es. dass wir - jäger, kind und ich- in einer lauen sommernacht in den wald fuhren.

ein tief hängender, strahlend schöner vollmond. grillengezirpe. lästige gelsen. und wir lauernd am hochstand.

es war magisch. etwas passierte. nämlich nichts. ruhe. beobachtende augen. kein wort. es war, als wären wir hierher gekommen um einfach zu sein. nichts wollend der natur zu lauschen. es verging eine stunde die auf mich wie eine schweigemeditation wirkte. bewusstes sein inmitten des waldes.

"mama. ich muss lulu". ich machte die tür der kanzel auf, damit mein 3jähriger bub vom hochstand pinkeln konnte.

er zielte auf die blätter, es plätscherte geräusche, auch dass eines wildschweines.

da stand es und fraß, und bemerkte nichts. vermutlich war es vom hellen schein des vollen mondes abgelenkt. zumindest war es meine esoterische idee dazu. wildschweine, so sagt man, seien äusserst hellhörig, scheu. und intelligent.

dieses schwein aber schien sich für meine mission zu opfern.

der jäger zog sein gewehr, zielte, der bub staunte, ich erstarrte.

ein schuss.

ein piepsender ton in meinen ohren. ähnlich das einer herzmaschine wenn der tod eines patienten eintritt. piiiiiiep.

totenstille. es kam elend lange vor, bis mein sohn das schweigen brach und zu weinen begann. dann ich. und zuletzt sogar der jäger.

es war ein moment den ich nie vergessen werde. das bewusste beenden eines lebens hat uns alle in eine andere sphäre geschossen hat. im wahrsten sinne des wortes.

wir kletterten schweigend die kanzel runter und schlichen uns dem wild an. da lag es.

ehrfürchtig bekam es den letzten bissen. ein von uns gesammeltes geäst. ein gebet. reue. die tiefen erfurcht gegenüber mutter natur und des wildes.

ich war tief beschämt, und voller schuldgefühle. ich wollte nicht dass es soweit kommt. wollte ich doch nicht, oder...?!

ich konnte den geruch des schweines im auto kaum ertragen. die fahrt zum kühlhaus. auch das noch. die leiche aufhängen und den - so die formulierung des jägers -pyjamas ausziehen.

das war mir definitiv zuviel.

als therapeutin und mutter hatte ich das gefühl völlig versagt zu haben.

ich sah mich schon mit meinem sohn in therapeutischen sitzungen, um all das geschehene aufzuarbeiten.

zu hause angekommen, sagte ich meinem sohn, wie leid es mir tat.

"und mama, wann gibt es wildschweinwürstel?"

er isst heute noch fleisch. auch das von hasen. aber das, ist eine andere geschichte.

© owl