Alt werden - Pflegefall

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Alt werden - Pflegefall | story.one

So hilflos meine Mutter auch immer wieder getan hat (und noch tut), so fest hat sie doch auch ihren Willen. Die Eigenständigkeit hat ihr mein Vater abgewöhnt. Mit 19 haben sie geheiratet und fortan hatte ER das Sagen. Mutter ordnete sich gerne unter. Wobei ich aus meiner heutigen Sicht bezweifle, daß sich jemand wirklich gerne unterordnet. Vater hatte seine strikten Regeln und die sollten tunlichst befolgt werden. Wenn es gegen mich Aufmüpfige ging, stellte sich Mutter auch auf Vaters Seite. Ein Umstand, der Mama und mir heute noch Diskussionen verursacht.

Mutter hat jahrelang den baldigen Tod von Papa herbei geredet- und daß sie dann ganz hilflos wäre. Als Vater tatsächlich starb, unterstützten mein Bruder und ich sie, so gut es ging. In unseren sehr intensiven und zeitfressenden Berufen - 130 km von ihr entfernt. Es war gut, daß Mutter als Witwe dann tatsächlich einigermaßen selbständig agierte. Eine Entlastung für uns. Krank war sie immer wieder. Herzanfälle hatte sich schon, da waren wir noch Kinder. Wenn wir schlimm waren, blieb ihr richtig die Luft weg. Und wir hatten Angst, sie würde wegen uns sterben. Eine Minute später war alles wie weggeblasen. Verstehen kann ich's bis heute nicht.

Dann ging es körperlich schubweise schlechter. Die gekrümmte Wirbelsäule. Ein Stock reichte nicht mehr, es mußten Krücken genommen werden. Dennoch ein Sturz. Danach ein Infarkt wegen falscher Medikation. Und der Rollator sollte verwendet werden. Mutter wehrte sich vehement - "einen Rollator nehmen nur alte Weiber ..." - sie wäre noch nicht so weit. Aber bald ging es nicht mehr anders. Dazwischen wurden Medikamente probiert. Der Neurologe schüttelte den Kopf, es hätte einen Demenzschub gegeben. Sie wußte nicht mehr, wie sie nach Hause kommen sollte. Man unterhielt sich mit ihr wie mit einer gläsernen Wand. Es ist für ein Kind schlimm, soetwas miterleben zu müssen. So alt kann das "Kind" gar nicht sein, daß es nicht schmerzt. Die Inkontinenz verlangt nach Windeln. Statt des Rollators benutzen wir nun einen Rollstuhl, weil von der Anstrengung der Schritte her nichts mehr möglich ist.

Mutter wurde immer verwirrter und das Zusammenleben ziemlich mühsam. Sie möchte keine fremden Leute um sich und schon gar nicht in der Wohnung. Dreimal die Woche zum praktischen Arzt fahren um Infusionen. Auch mein Leben fühlte sich zäh und dunkel an wie der Teer im Asphalt. Dann wurden die neurologischen Tabletten abgesetzt. Und wundersamerweise ist Mama nun wieder ziemlich klar im Kopf, kann auch wieder einige Schritte mit dem Rollmobil gehen. Ich kann sie sogar einige Stunden alleine lassen - für uns beide ein tolles Gefühl. Organisation ist natürlich alles - sie ist alleine nicht brauchbar mobil, ich habe kein Auto und wir sind viel auf dem Land oder pendeln nach Wien. Mutters fester Wille, noch ein bißchen Zeit auf der Erde herauszuholen, treibt sie an. Sie turnt in der Früh im Bett und liest auch wieder Zeitung. Im September wird sie 90.

© P-Hildegardsen 11.06.2019