Die "Gott hab' ihn selig" - Lüge

Rund um Allerheiligen würde es sich lohnen, auf dem Friedhof ein Kaffeehaus zu errichten. Jede Menge Leute, die die Gräber für den Allerheiligsten Kirchgang schön dekorieren. Und natürlich wird getratscht, daß eben nur noch das Kaffeehaus zum Glücklichsein fehlt.

Während man sich nun also gegenseitig auf den allerneuesten Stand der Informationen bringt, kommen auch manch alte, vergessene oder bis dato unbekannte Geschichten zu Gehör. Der Friedhof ist zu 97 % in Frauenhand und da bleibt den Männern oft nur eine relativ stumme Nebenrolle, die sich meistens im Abtransport des verwelkten Geblüms und im Anzünden der Kerze erschöpft.

Mir selbst unbegreiflich, warum ich immer wieder ungeziemende Gefühlsregungen aufsteigen spüre, wenn ich den langjährigen Witwen zuhöre. Die Körperhaltung kann sich nicht entscheiden, ob sie gebrochen-gebeugt oder stolz-gerade sein will. Der Gesichtsausdruck schwankt zwischen ewiglicher Trauer und Gottergebenheit. Die Stimme vibriert in verhaltenem Schmerz, gemischt mit seufzender Schicksalsergebenheit.

Und ich kann es nicht verhindern, die Ohren klappen nie rechtzeitig zu. Schon kommt der Satz, der eine innige, ewigdauernde Verbundenheit mit dem leider viel zu früh verschiedenen Gatten ausdrücken soll. "Der Meinige - Gott hab' ihn selig" ... und mir fährt's wieder durch die Glieder und die Gedanken. Daß diese Frau das ganze Jahr über nie gut von ihrem verstorbenen Mann spricht, daß sie zu Lebzeiten (vermutlich zu Recht) höchst ärgerlich über seine alkoholbedingte Unzuverlässigkeit war. Daß er lieber immer irgendwo auswärts pfuschen ging und das eigene Haus einer Dauerbaustelle glich. All das ist verständlich. Aber bitte warum muß dann Gott ihn selig haben??

Oder jene Witwe, die sich immer noch allergernst mit den Hofrats-und-anderen-Titeln des Verblichenen schmückt. Die auf nobelvornehm tut und daheim im kalten Gemäuer nicht mal eine funktionierende Heizung hat. Ähnlich auch die Zweifachwitwe, die Messen immer gleichzeitig für beide verstorbenen Gatten lesen läßt. Trauerverhangen, bedeutungsschwer :"Es waren ja zuletzt doch 10 Jahre!"

Die Sinnhaftigkeit dieses Selig-hab-Satzes bleibt mir genauso verborgen wie jener Satz, daß man über die Toten nichts Schlechtes sagen dürfe. Warum ist die Wahrheit was Schlechtes? Und warum darf man nur die Lebenden "angehen"? Die kränken sich dann - ein Toter kränkt sich vermutlich nicht mehr. Okay, ich bin jetzt arg ins philosophische abgerutscht. Und weil ich schon dabei bin: Ich male mir auch immer wieder mal mein eigenes Begräbnis aus. Denn ich hätt's gern lustig. Und gerne auch, daß sich möglichst viele den Mund zerreißen. Bloß nicht Schwarz tragen. Und bitte unbedingt in voller Lautstärke meinen Musikwunsch spielen. Etwas mit einem Saxophon. Jazz wäre nicht schlecht. Ach ja, wenns geht, dürften alle aus vollen Lungen mitsingen. When the Saints go marching in ...

© P-Hildegardsen