Dreiecksgeschichte

Meine Freundin ist Friseurin. Sie hat den Frisiersalon von ihrer Mutter übernommen und steht den ganzen Tag im Geschäft. Der Sohn ist längst erwachsen, das Enkelkind macht ihr viel Freude. Aber abends, wenn Anita nach Hause kommt, wartet nur ihr Mann auf sie. Daß sie ihn mit Wein, Bier und Essen versorgt. Krankheitsbedingt ist er nach einer Herzoperation den ganzen Tag zuhause. Auch ich habe ihn in seinem stressigen Alltag schon erlebt. Die Kronenzeitung auf dem Tisch, im Mund ein Tschick und in der Hand seine "Hülsn". Das ist Vollzeitbeschäftigung und so merkt er nicht einmal, daß die Blumen Wasser brauchen oder mal ein Sesselbein wieder festgeschraubt werden müßte. Macht eh alles meine Freundin.

Doch irgendwann hat meine Freundin beschlossen, nicht mehr so intensiv "zu Diensten" zu sein, hat begonnen, sich eigene Interessen zu suchen und auch nicht immer sofort nach Dienstschluß nach Hause zu rasen, um Essen zu kochen. Montags ist der Friseursalon geschlossen. Und dienstags war ich wieder bei ihr. Anitas Frisiersalon ist zwei Häuser neben dem Haus, wo ich wohne. Also ist Anitas Frisiersalon auch so eine Art zweites Wohnzimmer für mich geworden. Man hilft einander gegenseitig. Ich geh ihr was besorgen, erledige schriftliches und Telefonate und bekomme dafür Kaffee; manchmal geht sich ein gemeinsames schnelles Jauserl aus. Also, an diesem Dienstag bin ich wieder bei ihr. Und sie stellt mir ihren Neuen vor. Mich hauts aus den Socken. Da reden wir ständig über alles mögliche - und dann einfach so, ist ein neuer Mann in ihrem Leben. Sie wirkt glücklich und gelöst, über die Zukunft hat sie sich noch nicht soviele Gedanken gemacht. Ich kann Anita verstehen, daß sie sich in IHN verliebt hat. Ihn zu sehen, bringt wirklich irgendetwas in mir zum Klingen. Eine gewisse Sehnsucht, Wärme und das dringende Bedürfnis, ihn zu umarmen. Sogar meine Mutter - an diesem Dienstag mit dabei - gibt ihre Zurückhaltung auf. Anita hat viel zu tun, zum Reden bleibt wenig Zeit. Nur soviel, daß sie ihn eigentlich eh in Wien im 2. Bezirk treffen wollte, dann aber doch über die Grenze nach Tschechien fahren mußte, um ihn abzuholen. Er hatte kein Auto. Aber was macht das schon. Ihn anzusehen, läßt alles vergessen.

Dann der Paukenschlag. Anita bekommt die Diagnose Krebs und muß viele Therapien im Spital absolvieren. Ich überlege lange, ob ich anbieten soll, mich um IHN zu kümmern, mit ihm ein wenig zu unternehmen. Ich will ihn ja nicht der Anita abspenstig machen. Aber nach so kurzer Zeit in einem fremden Land, in einer völlig ungewohnten Umgebung allein zu sein ... Anita ist ein großzügiger Mensch. In sehr vielen Belangen habe ich ihre Großzügigkeit immer wieder bewundert. Und so ist es auch diesmal. Sie hat nichts dagegen, wenn ich mit ihrem Gspusi etwas unternehme. Und so entwickeln wir beide eine enge Bindung zueinander. Anita hat die Therapien gut überstanden. Und wir haben eine wunderbare Dreierbeziehung. Anita - ich - und Bobby, der schokofarbene Zwergpudel.

© P-Hildegardsen