Frag den Abendstern

  • 105
Frag den Abendstern | story.one

Im Leben hat man immer wieder Momente, da weiß man nicht so recht, wie man sich entscheiden soll. Oder ob das, was man gerade macht, plant, wirklich so g'scheit ist. Und dann grübelt man und faßt alle 5 Minuten einen anderen "fixen" Entschluß.

Bei mir ist es grade wieder einmal soweit. Ich überlege hin und her und weiß irgendwie nicht so recht. Soll der Verstand mit all seiner gesammelten und geordneten Erfahrung mich leiten. Oder soll es das Gefühl sein, das wie ein kleines Kind einfach nur Wunscherfüllung haben möchte.

Dabei fiel mir nun der Ratschlag meiner Oma ein. Die meinte einmal, wenn man so gar nicht wisse, in welche Richtung es gehen solle - dann müßte man einfach den Abendstern befragen.

Doch alleine schon die Fragestellung bedingt eine gewisse Vorbereitung und Beschäftigung mit dem Thema. Denn die Frage muß so formuliert werden, daß die Antwort nur ein Ja oder ein Nein sein könne. Zudem darf die Frage nicht langatmig und ineinandergeschachtelt sein. Dennoch soll alles enthalten sein, das für dieses Thema, diese Frage von Bedeutung ist. Wichtig ist ebenso, daß die Frage eine positive Aussage haben soll.

Mit der Suche nach der richtigen und passenden Fragestellung vergeht also schon mal viel Zeit und die Hirnwindungen rattern. Das kindliche Gefühl findet das alles doof und unnötig, will einfach nur die Befriedigung (s)eines Bedürfnisses.

Als ich dann endlich soweit war, die Frage an den Abendstern zu stellen - war der Himmel dunkel und sternenlos. Also mußte die nächste Nacht abgewartet werden. Die aktuelle Jahreszeit ist irgendwie einigermaßen ungeeignet. Zumindest hier im Waldviertel, wo wir immer wieder Nebel und dichte Wolkendecke haben.

Außerdem wäre ich gerne ganz alleine mit meiner Frage und dem Himmel mit dem Abendstern. Unklar ist, warum gerade jetzt am Abend immer wieder Besuch vorbeikommt ... Frust steigt auf. Ich will endlich die Frage stellen können und vor allem endlich eine Antwort darauf haben!!!

Dazwischen werde ich mutlos, weil so eine Frage ist wohl eh für die Fisch' und ich kann doch nicht eine Lebensentscheidung von einem Stern abhängig machen? Wobei: wenn mir die Antwort nicht gefällt, kann ich mich ja immer noch anders entscheiden. Doch wozu plage ich mich dann mit der Fragestellung?

Allmählich werde ich fuchtig. So ein Blödsinn, was ich hier aufführe. Wer weiß, ob ich das von der Oma überhaupt noch richtig in Erinnerung habe? Ich hatte sie nie gefragt, ob sie selbst den Abendstern öfter um Rat bzw Antwort gefragt hat.

Schmarrn noch eins, mir brennt das Problem wirklich auf der Seele. Und weil es um eine Herzenssache geht, will ich dem Verstand mit seinen gesammelten schlechten Erfahrungen sicher nicht die Entscheidung überlassen. Aber dem kindlichen, lustbetonten Gefühl auch nicht. Also doch der Abendstern.

Nun stehe ich da und sende meine Frage zu ihm, dem strahlenden Stern. Und was macht der? Zieht sich schön langsam ein halbes Wölkchen vors Gesicht. Das ist nun weder ein Ja noch ein Nein.

© P-Hildegardsen 24.11.2019