Ich bin kein guter Mensch

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Ich bin kein guter Mensch | story.one

Ich hätte den Titel auch "Ich bin schwer erziehbar" nennen können. In letzter Zeit kracht es wieder öfter zwischen Mutter und mir. Sie kommt mir zeitweise wie ein bockiges Kind vor. Hört nur das, was sie hören will und alles andere zieht an ihr vorüber. Unzähige Male haben der Internist und ich ihr erklärt, wie wichtig es in ihrem Fall ist, daß sie mehrmals am Tag den Blutdruck mißt und in die Liste einträgt. Ich weiß nicht, wieviele Jahrzehnte die Mama schon hohen Blutdruck hat und messen soll. Doch sie meint noch immer, es würde einmal am Tag genügen. Bloß wenn es ihr schlecht geht, mißt sie doch öfter. Aber daß sie nach sooovielen Jahren noch immer die drei Werte nicht auseinander halten kann und jedesmal irgendwelche Phantasiezahlen erzählt (heute bsp hat sie mir den 2. Wert mit 130 angegeben; dabei waren es 73) und bei Nachfrage überaus pampig und unwirsch reagiert - mich nervt es, muß ich ehrlich sagen. Ich habe irgendwie halt nicht den Nerv und die Geduld, neben all der anderen Arbeit und den Aufgaben, die ich erledigen muß, jeden Tag dasselbe mit ihr durchzukauen.

Nun bin ich also wieder einmal kein guter Mensch und es wäre so schwer mit mir auszuhalten. Wenn ich in diesen Momenten bei ihr in der Wohnung bleibe, fängt sie an zu zittern oder greift sich ans Herz oder weint oder ähnliches. Früher habe ich dann gleich immer alles gemacht, was sie wollte. Das habe ich noch seit den Kindheitstagen in mir, als es ähnliche Ereignisse gab. Da bekam sie fast eine Herzattacke, wenn wir Kinder schlimm waren. Tief geknickt und voll schlechtem Gewissen schlichen mein Bruder und ich dann in eine Zimmerecke. Eine Minute später ertönt im Radio eine flotte Musik wie ein Cancan, ein Cha-Cha-Cha oder ähnliches und Mutter schwang fröhlich die Beine ... Trotz aller Verwunderung seitens uns Kinder, ließen wir uns immer wieder erpressen.

Als es mir in den letzten Jahren gesundheitlich und seelisch so schlecht ging, daß ich therapeutische Hilfe annehmen mußte, war einer der ersten Punkte, daß ich mich nicht mehr von Mama in so ein Theater reinziehen lassen sollte. Sagte sich leichter, als es dann durchzuführen war. Eine arme alte, kranke Frau, die ich böses Kind so fertig mache, daß sie nah am Tode ist ... manchmal glaubte ich, daß sie mich durch ihre Finger, die sie voll Kummer vors Gesicht hielt, heimlich beobachtete - ist aber wohl nur Einbildung? Heute also fällt mir nun auch wieder meine Oma (väterlicherseits) ein. Die hatte erzählt, daß man sie in Kindertagen fragte, was sie denn einmal werden wolle. Ihre Antwort "ein brauchbarer Mensch".

Und weil meine Mutter mit mir in meiner Kinder- und Jugendzeit immer wieder unglücklich war, weil ich solch ein böses, ungehorsames, eigensinniges Kind war, habe ich mir damals den Glaubenssatz gebastelt "ich will ein guter Mensch sein". Doch ich muß nun ehrlich sagen, daß mich dieser Satz arg belastet, weil ich nie gut genug bin. Für mich nicht, für andere nicht. Also muß der Satz nun endlich weg.

© P-Hildegardsen 19.10.2019