Junger Mann, schwer enttäuscht

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Junger Mann, schwer enttäuscht | story.one

Es ist schon einige Jahre her, da fuhr ich mit meinem Hund (einem süßen kleinen Zwergpudel) in der Straßenbahn in Wien. Nachdem ich einmal beobachten mußte, wie eine "netter" Fahrgast absichtlich meinen Hund getreten hat, versuchte ich so oft es ging, den Hund auf den Arm zu nehmen. Mit fast 8 kg war das nicht immer einfach, denn es wollten auch die Einkaufstaschen von mir getragen werden.

Auf einer dieser Fahrten traf ich in der Bim einen netten jungen Mann, der sehr gut aussah. Groß, schlank, dunkelhaarig, gepflegtes Aussehen. Vermutlich der Traum von jeder Schwiegermutter. Und wenn ich "jung" sage, dann ist das in Anbetracht meines Alters für den jungen Mann so um die 35 Jahre einzuordnen. Er hatte ein trauriges Gesicht und das Lachen schien ihm schon lange abhanden gekommen zu sein. Irgendjemand hatte mir einen Sitzplatz angeboten, den ich dankend annahm. Der junge Mann half mir mit den Einkaufstaschen und meinte, daß Hunde doch besser als Menschen wären, denn sie sind immer treu. Es lag soviel Trauer und Verbitterung in seinem Tonfall, daß ich ihm am liebsten übers Haar gestrichen hätte und schon anbieten wollte, ob er nicht meinen Hund halten möchte. Das schien mir dann doch zu aufdringlich. Zudem er sich wohl nicht wirklich unterhalten wollte und nur über den Hund zu kommunizieren vermochte.

Ich kenne auch eine Frau, die nicht weit entfernt wohnt. Sie holt sich immer wieder Hunde aus dem Tierheim und gibt ihnen ein liebevolles Zuhause. Doch die Frau selbst muß sehr sehr schlimmes in ihrem Leben mitgemacht haben. Sie ist voller Wut und Zorn auf alle Menschen in der Umgebung. Sie spioniert die Briefkästen der Nachbarn aus, sie läßt alle ihre Hunde ihre Ausscheidungstrümmerl extra vor sämtlichen Haustüren machen. Weder auf Bitten noch Fluchen reagiert sie und hat sich so schon den ganzen Ort zum Feind gemacht.

Sie hatte einmal einen Hund, der einen anderen, kleineren Flocki ziemlich heftig gebissen hatte. Und während die Hundebesitzer mit ihrem kleinen Hund beim Tierarzt waren, ging diese Frau zur Polizei und zeigt den kleinen gebissenen Hund an... Natürlich kam nichts raus dabei, denn es gab genügend Zeugen, die den wahren Hergang der Geschehnisse schildern konnten, aber es müssen ganz eigene Gedankengänge sein, die zu solchem Verhalten führen.

Der Enkelsohn einer Freundin ist in Matura-Nähe und um sich sein Taschengeld aufzubessern, arbeitet er zeitweise als Hundesitter. Er erzählt immer wieder die verblüffendsten Geschichten, was er so erlebt, wenn er mit den Hunden Gassi geht. Er bekommt mehr oder weniger versteckte Beziehungsangebote, weil er doch so arm wäre und alleine mit Hundis unterwegs ist ... Einladungen zum Kaffee sind häufig und es wurde ihm schon deutlich mehr angeboten. Alles nur, wenn er mit einem Hund herumspaziert. Als ich ihm von meiner Begegnung mit dem Jungen Mann in der Bim erzählte, wollte er diese Story bei seinem nächsten Hundesitting ausprobieren - welche Reaktionen es gibt. Bin schon gespannt.

© P-Hildegardsen 19.10.2019