Liebe und Liebelei in Europa

Die Grenzen sind in unserem Kopf. Die Erziehung. Die persönliche Erfahrung. Was letzten Endes unterm Strich rauskommt. Die Neugierde auf etwas anderes bringt uns auf die Spur von Neuem, Anderem.

Vernetztes Arbeiten war vor einigen Jahrzehnten noch nicht so der Renner. Wir hatten noch einen Telex / Fernschreiber, der Nachrichten in Lochform stanzte. Ein Faxgerät zu benutzen, war Luxus. Diesen gönnte ich mir ab und zu. Denn ich hatte mich mit einem Kollegen eines britischen Automobilclubs angefreundet. Er besuchte mich. Wollte ein österreichisches Weihnachten erleben. Und ich war gespannt auf seine schottische Heimat. Stilgerecht wurde ich in London auf dem Flughafen von Neil im Kilt empfangen. Und habe eine Woche lang versucht, herauszufinden, ob die Schotten wirklich nichts unterm Kilt tragen. Achja, auch eine Menge englischer Phrasen lernte ich im Zusammensein mit meinem Schotten. Formulierungen, die wir im Englisch-Unterricht nicht gehört hatten. Und bei unseren Touren durch England und Schottland bekam ich auch einen Eindruck davon, wie anders das Englisch in England gesprochen wird - im Gegensatz zu dem, was uns unsere Professorin in der Schule beigebracht hat. In mir war immer ein Kampf: was glaube ich nun? Die Aussprache und die Übersetzungen, die wir im Englisch-Unterricht hatten oder das, was ich hier live erlebe??

Nun ja, irgendwann war die Entfernung doch zu weit und die heimatliche Verwurzelung von jedem von uns zu fest. Das war die Liebelei. Meine Liebe jedoch fand ich so: Als Niederösterreicherin lebte ich beruflich einige Jahrzehnte in Wien. Die große Stadt, das pulsierende Leben - alles faszinierte mich. Beruflich mußte ich öfter in Europa unterwegs sein. Ich betreute Sonderthemen-Reisegruppen. Unter den vielen Interessenten für diese Reisen war auch einer von der Berufsfeuerwehr. Er wollte viele Infos zu den Reisezielen - aber gebucht hat er nie bei mir. Frühmorgens im Batterseapark in London, umringt von meiner Gruppe. Da kommt einer auf mich zu - spricht mich im schönsten Österreichisch an. Jahre später ist er dann doch einer meiner Reiseteilnehmer. Ist immer öfter dabei. Und irgendwann mal nützen wir eine dieser langen Busfahrten für persönlichere Gespräche. In einem gewissen Alter hat man allmählich doch soviel erlebt, daß man sich darüber lange austauschen kann. Die Gespräche vertiefen sich. Und auf einer Reise in die Slowakei zeigt sich, daß da deutlich mehr Symphatie ist, als wir uns jemals dachten.

Den Heiratsantrag bekam ich in Salzburg. Nachdem er von einer Reise aus Israel zurückgekehrt war. Leben tun wir in Niederösterreich - für uns beide ein "back to the roots", denn auch er ist ein Niederösterreicher, der beruflich Jahrzehnte in Wien zubrachte.

Derzeit unsere schönsten Ausflüge und Reisen? Jetzt eigentlich am liebsten in Österreich. Da gibt es soviele schöne Flecken; nach den vielen Auslandsreisen kommt meine Seele nun hier zur Ruh. Bin gern daheim.

© P-Hildegardsen