Muttertag in den 60ern

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Muttertag in den 60ern | story.one

Liebe Mama, erinnerst Du Dich an die Muttertage, die mein Bruder und ich als Kinder versucht haben, Dir ganz speziell schön zu gestalten? Wir bekamen nie ein Taschengeld, daher konnten wir Dir keine Blumen kaufen. Wir bastelten in der Schule etwas im Handarbeits- und Werkunterricht. Und am Sonntag standen wir frühzeitig auf und liefen eine Viertelstunde zum Bahndamm. Dort wuchsen hübsche bunte Blumen, die wir dann eifrig pflückten. Eine alte Frau sah uns dabei zu. Denn auf der Straße neben dem Bahndamm befand sich eine alte kleine Siedlung mit kleinen Häusern und Gärten. Es gab dort damals kaum Autos und die Leute sprachen von den "Kleinhäuslern".

Die Frau sprach uns an und wollte wissen, warum wir am Sonntag um 6 Uhr früh hier Blumen rupften. Mein Bruder und ich erzählten also der Frau vom nicht vorhandenen Taschengeld und daß wir doch den Muttertagstisch schön gestalten wollten. Daraufhin öffnete sie die Gartentür und schnitt in ihren Blumenbeeten die schönsten Blumen, um uns einen prächtigen Strauß für unsere Mutter mitgeben zu können. Es ist Jahrzehnte her, aber heute noch bin ich dieser Frau dankbar. Denn Du, liebe Mama, hast wirklich große Augen gemacht ... insgeheim wohl überlegt, wo in unserem Garten diese Blumen wachsen würden?

Das Kaffeekochen hat meinen Bruder und mich immer schon gehunzt. Mal hatten wir zuwenig Kaffeepulver erwischt, dann wieder fiel ich fast vom Stockerl, als ich nicht hoch genug ins Küchenkastl zur Kaffeedose kam. Und der Filter in der Kaffeemaschine hat sich auch gerne umgelegt und dann sah der ganze Kaffee wie abgestandenes Abwaschwasser aus. Mit hochroten Bäckchen saßen wir dann da und schauten Dir aufmerksam zu, ob Du dieses besondere Muttertagsfrühstück eh genießen würdest ...

Im Laufe der Jahre wurden natürlich unsere Blumen, Aufdeckkünste und dergleichen immer besser. Und auch unsere Bemühungen, Dir einen genußvollen Tag zu bereiten, verstärkten sich. Die Gerätschaften in der Küche veränderten sich und mit wachsender Körpergröße auch unser Können, was die Bedienung derselben anging. Aber diese speziellen Muttertage, als wir noch kleine Kinder waren, blieben uns am stärksten in Erinnerung.

PS.: Du erinnerst Dich natürlich auch an jenden Muttertag, als mein Bruder und ich den Fliederbusch im Garten zum Blumenstrauß verwandelten. Dir die frisch gesäbelten Fliederäste ans Bett brachten ... und Du Dich dann mit einigen Ameisen unter der Tuchent quälen mußtest. Sorry Mama, das tut uns heute noch leid.

© P-Hildegardsen 11.05.2019