Tanzen im Geist

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Tanzen im Geist | story.one

Phantasie zu haben, das ist ein Geschenk. Träume zu haben, ist eine Gabe. Was träumt man nicht alles als kleines Mädchen. Eine erfolgreiche Ballerina zu sein. Eine begnadete Schauspielerin. Ein angehimmelter und begehrter Star.

Dann kommt die Realität in Form der Schule. Im Musikunterricht kriegt man irgendein kleines Musikinstrument zugeteilt, wo man laut Lehrerin "nicht viel Schaden anrichten kann", weil man halt gar so unmusikalisch ist. Bei Schulaufführungen darf man ganz hinten den zehnten Zwerg von sieben geben. Und insgesamt merkt man, daß einem so ziemlich alle Talente fehlen, um auch nur einen der Kleinmädchenträume verwirklichen zu können.

Der Turnunterricht lief ganz gut und machte auch sehr viel Spaß. Solange nicht verlangt wurde, irgendwelche gymnastischen Verrenkungen im musikalischen Takte zu absolvieren, bekam ich sogar Einser in der Benotung. Der erste Tanzschulbesuch uferte dann wieder zur Katastrophe aus. Wenn der Tanzlehrer vorne nicht laut und deutlich den Tanz deklarierte und die ersten Schritte ansagte, gab's ein Gestricke mit den Beinen. Unglaublich, daß man sich mit nur zwei Haxen gar so arg versprageln kann. "Der Herr beginnt rechts nach vor - die Dame links nach hinten" ... warum kann das nicht generell bei allen Bällen und Tanzveranstaltungen angesagt werden? Weil's eh nix nutzt. Da waren die Discozeiten in den 70ern schon besser; jeder bewegte sich einzeln und irgendwie zur Musik. Auch das "Lady Bump" war hinzukriegen - doch das generelle Problem blieb bestehen: die Musik erreichte nie wirklich den Körper und schon gar nicht die Beine.

Während meine Mutter - mit zahlreichen Erkrankungen geschlagen und per Rollator oder Rollstuhl unterwegs - auch heute (mit 90 Jahren) noch musikalische Elektrisierung im Körper verspürt, habe ich StockStarrSteife in den Gliedern, sobald irgendeine Gefahr bestehen könnte, zu einem Tanz aufgefordert zu werden. Mama kann im Rollstuhl Cha-Cha-Cha, Kasatschok und ähnliches - bloß in meinen Adern fließt Blei.

In meinen Träumen jedoch erhebe ich mich federleicht, mit elastischem Schwung zu den tollsten Tanzfiguren. Umjubelt vom frenetischen Applaus der Zuschauer verbeuge ich mich tief. Atemlos und mit lässiger Handbewegung danke ich meinen Tanzpartnern und den Musikern. Es ist wundervoll, in all diese verschiedenen Kleider schlüpfen zu dürfen. Mal eng und sexy für den Cancan, dann mit Federn und Fransen beim Charleston, mit Ausschnitt und Rüschenschleppe beim Flamenco, im Petticoat zum Rock'n'Roll ... diese Biegsamkeit und Grazie des Körpers zu spüren ... achja ist ja alles nur ein Traum. Wahr ist vielmehr, daß die Bandscheiben mangels Schmierung ächzen, die Bänder die Gelenke kaum noch halten und das Becken aus Gips gegossen ist.

Aber einer geht immer: der Walzer. Der war und ist in meinem Körper verankert. Und an Festtagen darf er auch raus und wird gezeigt. Vielleicht gelingts irgendwann mal in einem richtig schön-kitschigen Walzerkleid?

© P-Hildegardsen 11.05.2019