Vatertag

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Vatertag | story.one

Lieber Papa, auch jetzt noch ist es ein eigenartiges Gefühl, wenn ich an Dich denke. Mama hat mich immer "Papamädi" genannt. Vermutlich, weil ich die Einzige in der Familie war, die sich mit Dir angelegt hat. Immer widersprochen hat. Dabei haben wir (Mama, mein Bruder und ich) doch eh immer gekuscht. Versucht, Dir alles recht zu machen. Aber leider haben meine Ohren auch oft auf "Durchzug" geschaltet. Du hast uns allen immer wieder stundenlang alles mögliche genau erklärt - und trotzdem haben wir nichts kapiert. Ich zumindest muß irgendeinen körperlichen Fehler im Gehörgang und Hirn haben - weil so selten etwas von Deinem großen Wissen bei mir hängengeblieben ist. Stattdessen hänge ich heute noch in den Seilen der kindlichen Gefühlswelt.

Immer noch beschleicht mich ein kaltes Gefühl. Immer noch spüre ich eine große Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit. Natürlich darf ich mich nicht beklagen. Es wurde für uns Kinder, für die Familie stets bestens gesorgt. Viele Therapiestunden und Familienaufstellungen später verstehe ich nun einiges besser. Da war der Krieg. Früher war immer ein Krieg - unsere Vorfahren haben anscheinend gelernt, irgendwie damit zu leben. Auch wenn sich die Kampfmittel änderten - seines Lebens war man wohl nie lange sicher. Du warst noch sehr jung, als Dich der Krieg rief. Du mußtest schreckliche Dinge sehen. Am schlimmsten war wohl, als bereits der Frieden ausgerufen war und alle vom Kriegsende wußten, daß Du da noch gefangengenommen und verschleppt worden bist. Um das zu überleben, braucht die Seele wohl einen Panzer. Und den konntest Du Dein Leben lang nicht mehr ablegen. In den Aufstellungen konnte man diese Schwere nachfühlen. Schwermut und Genußsucht kämpften um die Herrschaft.

Der Vatertag war immer etwas schwieriger zu begehen als der Muttertag. Bei Mama wußten mein Bruder ich schon als kleine Kinder, daß es egal sein würde, was wir der Mama bringen oder basteln oder machen - es würde immer irgendwie richtig sein. Beim Vatertag war es deutlich schwieriger. Denn in der Schule wurde nicht soviel Wert darauf gelegt, den Vätern was zu basteln. Und die Blumenrupferei war zum Vatertag auch nicht opportun.

Die große Sehnsucht nach Liebe, Wärme, Geborgenheit ist mir geblieben. Du meintest einmal, wir wären Deine Familie und daher wäre es doch klar, daß Du uns liebst. Meine unersättliche Kinderseele hätte es so gerne einmal gehört. Und tief und innig gespürt. Als zu meinem 40. Geburtstag mein Freund und Lebensgefährte neben mir bei einem Autounfall starb - da hast Du mich angerufen und mir das erste und einzige Mal in meinem Leben gesagt, daß Du mich lieb hast. Übers Telefon. Ganz überraschend. Und ich war baff: mußte erst jemand sterben, um diese Worte von Dir zu hören?

Heute weiß ich, daß Du nicht anders konntest. Eiserne Klammern hielten Dein Herz und quetschten Deine Seele. Und heute danke ich Dir für Deine Liebe, die Du mir geben konntest. Und für mein Leben, das Du mir gemeinsam mit Mama geschenkt hast.

© P-Hildegardsen 11.05.2019