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Der alte Mann und der Schirm

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Der alte Mann und der Schirm | story.one

Ich gehe an einem klassischen Herbsttag bei 10 Grad auf der Straße und es schüttet in Strömen. Vor mir kommt ein älterer Herr, so um die 70, aus einem Haustor, ausschließlich mit einer karierten Weste, einer Bundfaltenhose und eleganten, ledernen Schlüpfern heraus. Reflexartig halte ich ihm meinen Schirm über den Kopf: "Heans spinnen's komplett? Gengans weg mit dem Schas, i wü des ned." ein wenig irritiert sage ich: "Sie werden sonst aber sehr bald komplett durchnässt sein." er stößt zornig meinen Schirm weg und schreit: "I WÜ DES NED HOB I GSOGT!!!" schüttelt den Kopf und geht von mir weg, während seine flache Hand vor seinem Gesicht scheibenwischerartige Bewegungen macht.

Vollkommen irritiert und überfordert bleibe ich regungslos unter meinem Schirm stehen. Ich gebe ihm noch realistische 30 Sekunden bis auch seine Unterhose lückenlos durchnässt ist.

Plötzlich bleibt er stehen, atmet tief durch, dreht sich wieder zu mir um und sagt in versöhnlichem Tonfall: "Es tuat ma lad. I was, dass des liab gmant hom, owa i brauch des." Ich schaue ihn fragend an und er erklärt weiter: "Heit vua fufzg Joa san mei Frau und i zaumkumma und do hots a gregnt und des woa uns a wuascht." "Und warum macht da ihre Frau nicht mit?" es entsteht eine Stille in der er mich traurig, durchdringend und dennoch verständnisvoll anschaut um mir die Zeit zu geben selbst drauf zu kommen: "Oh, was bin ich nur für ein Koffer. Es tut mir leid." und ich überlege bei mir was ich hilfreiches tun kann: "Ich hab noch ca eine Stunde Zeit. Wenn Sie wollen steck ich den Schirm ein und werde mit Ihnen gemeinsam nass." er lächelt: "Na. Der Tog gheat meina Frau und mir und sunst kan. I was, dass Sie des scho wieda liab manan, owa Sie kennan afoch nix tuan und mei Frau werns ma ned zruck bringa kennan." Ich nicke verständnisvoll und er erzählt weiter: "I geh do jetzt bis ma so koid is, dass i nimma kaun und daun hau i mi daham untad Dusch, leg ma de Glen Miller Story Plottn auf, die sie so gern gheat hot, moch ma an Kaffee mit nur AN ANZIGN Leffe Zucka, weu zwa san jo ungsund hots imma gsogt, wiag des bittare Gschloda owe und daunn was i, dass sa si gfreit hätt, dass i endlich amoi brav vo söwa moch wos sie ma sogt." mit leicht zitternder Unterlippe, bringe ich ein "Mhm." raus: "Heun Sie grod?" ich muss kurz lachen: "Geh bitte, des is doch ned notwendig. I hob mit meina Frau a wirklich klasses Lebm ghobt." er winkt mich zu sich als würde er mir ein Geheimnis verraten wollen: "Huachn's, wobei Moment, homs a Frau?" ich nicke: "Sehr brav. Sie san a liawa Mensch und i wünsch eana, dass Sie a so vü Glick mit ihra Frau haum wia i mit meina ghobt hob und bitte genießnsas JEEEEDEEEEN Tog." "Mach ich." antworte ich lächelnd: "So und jetzt gehri, weu mir is eh scho koid, weu sunst hätts wieda gschimpft waun i mi vaküh." kichert er wie ein kleiner Bub der was angestellt hat und nicht erwischt wurde: "Auf Wiedaschaun" und verschwindet im Regen mit seiner noch zum Gruß erhobenen Hand.

© Päter_Runkverr 23.12.2019

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