Genick mit Barcode

Die Steffi, eine ehemalige Schulkollegin von mir, ließ sich zum achtzehnten Geburtstag einen Barcode der ihr Geburtsdatum darstellte, als politisches Statement aufs Genick tätowieren, um damit auszusagen, dass wir von den Politikern wie Produkte behandelt werden, die unterstützt werden, wenn sie sich rechnen und wenn nicht, einfach ausgegliedert werden und das in einer Zeit in der frisch gebügelte, teure Markenpolos inkl. noch teureren Markenjeans, die am besten wöchentlich neu gekauft wurden, modern waren.

Bis dahin kam ich mir mit meinen absichtlich so lange getragenen Jeans, bis sie von selbst so löchrig waren, wie man sie später neu im Geschäft als Modetrend erwerben konnte und meinem "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt."-T-Shirt rebellisch vor, aber ab Steffis Barcodetatoo musste ich klein beigeben.

In einer angeregten politischen Diskussion mit ihr, merkte ich auflockernd zwischendurch an, dass es doch irgendwie lässig wäre, wenn man ihren Barcode beim Supermarkt einscannen und damit sämtliche Kassenhauptserver stilllegen könnte, einfach um ein Zeichen zu setzen.

Völlig begeistert von der Idee, fragte sie bei unserem Mittagspausenstammsupermarkt, ob sie das einmal ausprobieren dürfe. Als sich die Kassiererin zwar freundlich aber doch bestimmt nach unserem geistigen Zustand erkundigte, erklärten wir ihr, dass doch die Steffi gerade Achtzehn geworden sei und es eh nur um einen einmaligen Versuch ginge etc.

Als dann auch die anderen anwesenden Leute, die uns nicht kannten, meinten, dass die Kassiererin doch nicht so streng sein solle und sie außerdem Hunger hätten und gerne zahlen und essen würden, läutete sie die Filialleiterin her, die kopfschüttelnd meinte, dass sie so eine Anfrage noch nie hatte und das im Mittagspausengeschäft jetzt sicher nicht ginge, aber wenn wir vor Geschäftsschluss noch einmal kämen und warten würden bis der letzte Kunde die Filiale verlassen hätte, dann dürften wir es ein einziges Mal probieren und dann wäre aber sofort Ruhe.

Gesagt getan. Also ich traue mich nicht zu behaupten, dass die gesamte Klasse kurz vor Geschäftsschluss beim Supermarkt war, aber viele haben nicht gefehlt. Wir warteten also bis der letzte Kunde weg war und dann durfte sich die Steffi auf den Platz der Kassiererin stellen und da diese Handscanner bei den Kassen damals noch nicht üblich waren, drehte sich die Steffi um und versuchte in einer brückenähnlichen Position ihr Genick über den Scanner zu ziehen.

Was soll ich sagen? Natürlich würde ich jetzt gerne erzählen, dass weltweit alle Kassenserver explodiert sind und die gesamten Umsätze aller Supermärkte automatisch an gemeinnützige Organisationen gespendet wurden, aber es ist natürlich gar nichts passiert. Kein Piepston, keine Fehlermeldung, nichts, aber wie die Steffi da in der Brücke bei spannungsgeladener Stille über der Kassa gehangen ist, werde ich niemals vergessen.

© Päter_Runkverr