Nichts zu essen

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Nichts zu essen | story.one

Ich bin kurz nach meinem 18. Geburtstag ausgezogen. Nicht etwa, weil ich mich mit meinen Eltern nicht verstanden hätte, sondern weil ich einfach unfassbar große Lust auf ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben hatte.

Ich verdiente damals als Lehrling 512 Euro netto im Monat und meine Miete betrug inkl. Gas und Strom 350 Euro für meine 35 m² Wohnung. Da ich von Geburt an den Sparmeister im Blut hatte, ging sich das gerade so irgendwie aus, bis ich eines Tages an diesem bösen, bösen Musikgeschäft vorbeiging. Es war Monatsbeginn, die Miete war bereits bezahlt und ich hatte noch exakt 800 Euro auf meinem Konto. Die Gitarre die ich immer schon haben wollte, kostete 720 Euro. Was ich in diesem Monat noch nicht einkalkuliert hatte, war, dass mein Motorrad mit 14 eingetragenen Vorbesitzern, keine Lust hatte zu funktionieren und die Ersatzteile 75 Euro ausmachten. Die Mathematiker unter euch erkennen sofort, dass ich somit noch heiße 5 Euro am Konto hatte am Monatsanfang. Ich ging also zum Bankomaten, atmete einmal tief durch und dachte mir: "Dein ganzes bisheriges Leben warst du in aller Konsequenz sparsam und vernünftig und dieses eine Mal bist du ein dummer, konsumgeiler Idiot und zahlst somit den Preis zum ersten Mal in deinem Leben im Minus zu sein." Bankomatkarte rein, 20 Euro, bestätigen "Ihr Limit ist überschritten". Bankomatkarte raus, Bankomatkarte rein, 10 Euro, bestätigen "Ihr Limit ist überschritten". Bankomatkarte raus, Bankomatkarte rein, 5 Euro, bestätigen "Behebbarer Mindestbetrag 10 Euro". "Gut, du bist selbst dafür verantwortlich, also trag die Konsequenzen." dachte ich bei mir, ging in die Bank und erklärte die Situation: "Ich müsste zum ersten Mal im Leben ins Minus gehen. Keine Sorge, ich gehe arbeiten und im nächsten Monat ist alles wieder gut." "Tut mir leid, das geht nicht. Man kann erst ab einem monatlichen Mindesteinkommen von 800 Euro sein Konto überziehen." "Bitte, mit 10 Euro in der Woche komme ich durch. Das wären 35 Euro die ich mein Konto überziehen müsste. Ich kann mir sonst nichts zu essen kaufen." "Es tut mir leid, aber das lässt das System gar nicht zu, selbst wenn ich wollte. Haben Sie keine Eltern oder sonstigen Verwandten?" "Schon, aber ich bin vor kurzem ausgezogen und habe mir stolz mein eigenes Leben aufgebaut. Da werde ich nicht nach drei Monaten bei Mami und Papi um Geld und Essen betteln."

Da stand ich also. Ein junger, arbeitender Mensch in einem der reichsten Länder der Welt und hatte keine legale Möglichkeit ohne zu betteln etwas zu essen zu bekommen. An diesem Tag hatte ich bei einer Körpergröße von 194 cm 88 kg. Am Monatsende waren es 74 kg inkl. Schwindelanfällen bei jeder schnelleren Bewegung. Meine Familie besuchte ich erst wieder, als ich wieder genug Geld für Essen hatte.

Zwei Dinge hatte ich gelernt. 1) Wie viel mir meine Unabhängigkeit wert war und was ich dadurch alles aushalten konnte und 2) dass ich alles in meiner Macht stehende dafür tun werde, dass mir das nie wieder passieren wird

© Päter_Runkverr 16.10.2019