Frau Steffi

Sie hatte- wie immer- ihre Vorlage akribisch ausgemalt, der Stift glitt gleichmäßig, mit wenig Druck übers Papier zwischen den vorgezeichneten Linien- Dornröschen- schlafend auf dem Pomösen Stuhl- der schlafende Hund zu ihren Füßen und die Katze auf ihrem Schoß- dazu der eintreffende Prinz, der sich anschickt, den Bann mit einem Kuss zu brechen. Frau Steffi betrachtet ihr Werk wohlwollend, ein Lächeln gleitet über ihren Mund- ihr Haar ist sorgfältig geordnet- immerhin war sie einmal Frisörin gewesen....Mein anderen Malschülerinnen sind schon in die Wohngemeinschaften gegeangen ( oder gebracht worden) und ich setze mich zu Frau Steffi und spreche noch über das Märchen, in der Hoffnung, sie zu einem Gespräch zu verführen und sie aus ihrem Schweigen zu holen. Ich singe ein Stück des "Dornröschen Liedes" und schreibe unter das fertige Bild "Dornröschen war ein schönes Kind"- dann ermuige ich Frau Steffi ihren Namen darunter zu setzen. Leicht gleitet der Bleistift über das Papier- das große S findet seinen Weg auf das Blatt- jeder Buchstabe fordert eine große Denkleistung- Frau Steffi spurt das S nach, wohl in der Hoffnung, der nächste Buchstabe würde leichter ins Gedächtnis treten. Konzentriert kramt sie in ihrem Formenschatz und zeichnet mit dem Bleistift Phantasieformen , die nur entfernt an die tatsächlichen erinnern.. Ich lasse mir nichts anmerken und präsentiere ihr das fertige Werk aus guter Entfernung. Sie lächelt zufrieden.

Beim letzten Malbesuch vor drei Wochen war der Name noch richtig geschrieben.

Ich biete Frau Steffi meinen Arm und begleite sie in ihre Hausgemenschaft. In vierzehn Tagen bin ich wieder im Stefansheim - zur Malstunde.

© PANSILVA