Mohammad, Ali und Co

Meine erste Begegnung mit Flüchtlingskindern war 2010, kurz vor Weihnachten. Ich schrieb aus Verzweiflung über die Abschiebung eines pakistanischen Kindes eine Geschichte, Da war von der großen Flüchtlingswelle noch keine Rede. Im Haus "Helina" das damals von der Stadtgemeinde eingerichtet wurde, machte ich meine ersten Gehversuche in der Flüchtlingsbetreuung. Als dieses aufgelöst wurde, begann ich in meiner ehemaligen Schule die Kinder individuell zu betreuen und aus dem Klassenverband zu holen.Farzad kommt in der Geschichte "Vier und wie viel ist zehn?" schon vor. Mohaamad ist mir in guter Erinnerung geblieben: wissbegierig, fleißig und alles aufsaugend, was ich ihm beibringen wollte. Sein Vater bekam Arbeit in Wien und der Bub musste schweren Herzens von seiner Klasse Abschied nehmen. Er wollte ja gern mit dem Bus von Wien kommen, aber das spielte es nicht und der Kontakt brach jäh ab.Aufgesaugt von der großstadt Wien . Dann kam Ali aus dem Iran. Ein höflicher Bub, der sogar meinen Sessel am lernplatz zurechtrückte. Wir erarbeiteten Redeübungen, Bildergeschichen und Aufsätze. Die reguläre Deutsch Schularbeit schaffte er auf "Befriedigend" . Ich war so stolz auf ihn. Kurz vor Weihnachten kam er dann zu seiner Lehrerin und eröffnete ihr, dass ihn sein Vater um zehn Uhr abholen wolle- sie wollen nach Wien ziehen. Niemand in der Schule hatte von dem Umzug gewusst, wir waren vor den Kopf gestoßen. Ich lief heim, um das bereits vorbereitete Weihnachtsbuch für Ali zu holen. Von einen auf den anderen Tag war Ali weg, ich hatte zweieinhalb Jahre gelernt mit ihm- vom ersten Buchstaben an....Keine Nachricht seitdem- auch Ali verschwunden im Getümmel Wiens.....

Jetzt lerne ich mit Noorullah aus Afghanistan. Ein schmaler Bub mit auffallend roten Wangen- Verbrennungsnarbe von der Sonne, wie er sagt. Seine Eltern hatten einen Bauernhof mit Tieren, bis die Bombe ihnen alles nahm und sie in eine Höhle ziehen mussten. Noorullah ist sichtlich traumatisiert, wir haben ihn bei der Psychologin angemeldet um posttraumatische Störungen zu mindern. Noorullah hat schon beim Laufwettbewerb unserer Stadt gewonnen- letzte Woche habe ich erfahren, dass er nach Linz ziehen wird...

Nach dem Hilferuf um Unterstützung einer Kollegin lerne ich jetzt mit Qasem, habe mein ehrenamtliches Stundenkontingent hinaufgesetzt. Qasem ist lernwillig- wir übe Artikel, lesen und spielen Memory.

Mohaamad und Alis Schicksal leigen mir noch imer schwer auf der Seele, so plötzlich weg, ohne Lebenszeichen darnach. Andere Kulturen, anderes Denken und Schicksale, die wir nur erahnen können in ihrer Schwere. Lernpate werde ich bleiben, man wird sehen,was noch kommt......

© PANSILVA