GOTT LIEBT MICH 1. Blöder gehts nicht

Meine ersten Gehversuche als Kleinganove habe ich mit fünf Jahren gemacht. Natürlich wollte ich nie bewusst etwas Unrechtes tun. Es war mehr ein spontaner Impuls aus Ärger über meine Mutter, die mich aus meinem Spiel mit Dieter herausriß.

"Hol Deinen Vater, Essen ist fertig! Er ist auf dem Friedhof!“.

Er war nicht tod. Er war Steinmetz und Bildhauer, hatte ein Grabsteingeschäft, arbeitete zu Hause in seiner Werkstatt, wenn er nicht gerade nebenan auf dem Friedhof war und einen Stein aufstellte.

Widerspruch war nicht möglich.

Ich habe sie dafür gehasst diese Hexe, demnächst werde ich abhauen das war klar. Ich bin schon fünf Jahre alt und ich ertrage diese Missachtung und dieses Rumgeschubse nicht mehr.

„Komm Dieter wir holen meinen Vater!“ Dieter, zwei Jahre älter als ich, nickte und trottete hinter mir her.

Ich wusste wo er war, meine Wut war grenzenlos, auf dem Weg zum alten Friedhof kamen wir über den neuen Teil, ich fing an Blumen von den Gräbern zu „pflücken“, dann zu reissen, Dieter machte mit. Wir trampelten über die Gräber und nach einigen Verwüstungen setzten wir den Weg zu meinem Vater fort. Ich musste mich beeilen, denn sonst gibt es Ärger, mein Vater muss zum Essen.

Das lag alles nur an dieser Scheiss-Zeit, weil es kein Handy gab. Dann hätte meine Mutter ihn anrufen können. Heute sitzen die Babys auf dem Schoß ihrer Mutter und sehen mit auf das Display und haben voll den Durchblick. Die wissen mit fünf zwar nicht wie ihre Mutter aussieht, aber sie haben schon die Welt gesehen und können mit den Fingern Bilder wegwischen, wenn Du weisst was ich meine.

Ich wurde voll beschissen mit diesen Eltern und diese Zeit. Natürlich kam 2 Tage später die Polizei zu meinem Vater. „Herr Kleinert, Ihr Sohn wurde gesehen wie er mit einem anderen Jungen Gräber auf dem Friedhof verwüstet hat. Ihr Sohn war der Anstifter und Anführer der Grabschändungen."

Ich hatte es schon wieder vergessen, na ja, verdrängt.

Mein Vater, der die Grabsteine an den Mann bringen musste, sich in unendlicher Kleinarbeit bei der Kirche, der Friedhofsverwaltung, dem Bürgermeister, den Bürgern und den Kunden (hauptsächlich Witwen) eingeschleimt hatte.

Er, sechs Jahre im Weltkrieg, Verwundung, russische Gefangenschaft, Elend, Aufbau, vier ältere Kinder, alles überstanden und nun das . . .

Er machte den Zerknirschten, verprügelte mich, zahlte den Schaden und ich?

Mir war klar das wird für die Ewigkeit auf mir lasten. Was bin ich doch für ein schlechter Mensch.

„Und jetzt ab ins Bett !"

Widerspruch war nicht möglich.

Ich stieg die Treppe hoch. Zum Glück kann ich in meinem Zimmer aus dem Fenster sehen. Im Haus gegenüber sitzt Dieter oben in seinem Zimmer. Der musste auch früh zu Bett. Wir machen uns Zeichen mit den Händen und Fratzen mit dem Gesicht. Wie sieht die Welt wohl nachts aus, ganz spät, wenn ich schlafe, also so richtig spät?

Ich lege mich hin, träume von einem besseren Leben und schlafe ein.

© Paul