De echde Noordn

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De echde Noordn | story.one

Wo beginnt er eigentlich, der Norden? Je nachdem wen man fragt. Menschen in Südafrika haben dazu wahrscheinlich andere spontane Assoziationen als Personen lettischer Herkunft und das australische Northern Territory liegt für mitteleuropäische Maßstäbe doch sehr weit im Süden. Alles relativ also und sprichwörtlich vom eigenen Standpunkt abhängig. Für mich war der Norden lange Zeit skandinavisch. Darunter, so schien mir, erstreckt sich das Alpenvorland und für den doch relativ breiten Streifen dazwischen hatte ich keinen passenden Begriff.

Dieser einer europäischen Seele unwürdige Zustand sollte sich 2010 zum Glück ändern. Es war das Jahr in dem das Schicksal mich zur geistigen Landgewinnung herausforderte. Das Jahr, in dem ein norddeutscher Leuchtturm in Form einer faszinierenden Frau in mein Leben trat und mir die unbekannten Ebenen bis an die dänische Grenze auszuleuchten begann. Von amourösen Motiven geleitet schickte ich mich also an den bisher unerforschten Korridor zu durchqueren, den Weg von einer deutschen Sprachgrenze zur anderen zu wagen und das steirische Idiom ans Niederdeutsche heranzuführen. Im schlimmsten Fall, wie ich inständig hoffte, wird die gemeinsame Sprache das Einzige sein, was uns zu trennen vermag.

Ahnungslos und unbekümmert brachen wir auf, ich und mein Studenten-Golf, treuer Begleiter jener Tage, und bahnten uns den immer flacher werdenden Weg gen Norden. Nur einmal, in den Kasseler Bergen [sic!], vermochten wir ansatzweise unsere alpine Fahrroutine auszuspielen, bevor sich die Landschaft wieder unaufhaltsam weitete. An Hamburg, der zweitgrößten deutschen Stadt, gab es kein Vorbeikommen, sondern maximal ein Durchkommen - unten durch. Die Elbe nicht zu über- sondern unterqueren, das ist selbst für einen tunnelerprobten Alpenländer eine Herausforderung. Macht es doch einen gefühlten Unterschied, sich durch ein in Jahrmillionen gefestigtes Gesteinsmassiv zu bewegen, versus Millionen Hektoliter labile und unberechenbare Wassermassen um sich zu wissen. Aber alles gut gegangen. Böse Zungen prophezeiten mir damals, nördlich von Hamburg käme nicht mehr viel. Zum Glück glaubte ich kein Wort oder war einfach nur zu neugierig und verliebt genug es nicht zu glauben. Ein gutes Stück weiter, auf der Rader Hochbrücke, lag er dann endlich unübersehbar vor mir, „de echde Noordn“, wie Schleswig-Holsteiner ganz selbstverständlich sagen. Ich ließ mein Auge über die vermeintlich grenzenlose Weite schweifen und wusste, irgendwo da hinten am Horizont wartet sie auf mich und es wird nicht mehr lange dauern, bis wir einander in die Arme schließen.

© Paulson