Europa – eine Freundschaft

Sommer 2005, drei Freunde entdecken Europa. Jenes Europa, dem Österreich seit zehn Jahren angehört, der Europäischen Union. Wir wollen dahin wo alles begann. Nach Frankreich, Deutschland, Italien und in die Beneluxstaaten. Dort liegt der Kern der Integration, von dort ging alles aus.

Der Nachtzug bringt uns nach Paris. Hinter uns die österreichische Provinz, unsere Wurzeln, wir lieben sie. Vor uns die große Welt. Die Metropole an der Seine schlägt uns in ihren Bann. Es ist aufregend, es ist laut und wir sind mitten drin im Puls des Geschehens. Wir atmen Frankreich, wir atmen Europa. Liberté, Égalité, Fraternité, das sind Wir in diesem Moment.

Doch wohin soll es weiter gehen? Was ist unsere Vision? Wir sind uneins. Flo, der Schöngeist, würde gerne noch länger in Paris bleiben und auf den Spuren von Sartre wandeln. Max, der Naturverbundene, will einfach raus, an einem schönen Platz verweilen. Und mich zieht es an die Schauplätze der Geschichte, in die Normandie und nach Verdun. Nun rächt es sich, davor nicht konkreter über unsere Ziele und Wünsche debattiert zu haben. Wer sind die Menschen überhaupt mit denen ich hier Zeit verbringe? Was wollen sie? Wohin wollen sie? An diesem Punkt ist klar, es kann scheitern. Wenn jeder stur auf seine Vorstellungen und Wünsche beharrt, wir kein gemeinsames Ziel, keine Vision mehr haben, dann ist die Reise vorbei. Flo und Max kennen einander schon lange, ihre Freundschaft ist gefestigt. Aber Ich, ich bin erst kurz dabei. Die gemeinsame Erzählung fehlt, auf die wir uns in dieser Krise besinnen und die uns wieder an das Wesentliche, nämlich unsere Freundschaft, erinnern könnte.

Ein Wendepunkt, wir halten inne, reden, streiten, trinken, rauchen, enttäuschen uns und lernen uns neu kennen. Das ist heilsam. Wir feilen an einem Kompromiss. Klar, das kostet Zeit, jeder einzelne könnte sie bereits in die Erfüllung seiner und nur seiner Wünsche stecken. Aber ist es das was wir wirklich wollen? Bringt uns das weiter? Macht uns nicht erst das gemeinsam Erlebte lebendig und wahrhaftig? Wir wollen weiter reisen, uns bereichern, voneinander lernen und Spaß haben.

In den nächsten drei Wochen baden wir im rauschenden Meer, wandeln durch alte Handelsmetropolen, genießen in gemütlichen Cafés, feiern in aufregenden Bars, lassen uns beeindrucken von historischen Schauplätzen und sind beseelt von europäischer Vielfalt. Es ist wunderbar. Wir erleben viel, lachen gemeinsam, wir diskutieren, wir streiten und suchen immer wieder das Gespräch. Es klappt prächtig und wir haben eine gemeinsame Geschichte, über die wir heute noch staunen und herzhaft lachen können. Sie verbindet uns, wir sind immer noch Freunde.

Doch geht es hier nur um uns? Funktioniert Europa nicht auch wie eine Freundschaft? Nie perfekt, mitunter sehr unterschiedlich, konfliktreich und enttäuschend aber auch bereichernd, inspirierend und getragen von einem gemeinsamen Ziel, einer Vision wie wir gemeinsam und in Frieden leben wollen.

© Paulson