Ein Traum - Ein Leben

Die ersten Lebensjahre eines Kindes sind ja angeblich die wichtigsten. Wenn es danach geht, dann hatte ich einen denkbar schlechten Start.

Geboren wurde ich 1945 in Waidhofen an der Thaya. Der Krieg hatte alle Männer verschleppt, und so wuchs ich als einziger Sohn bei meiner Mutter, Großmutter und Tante samt Töchtern auf. Als Bub war ich sozusagen das „männliche Prinzip Hoffnung“ auf bessere Zeiten.

Nach Kriegsende kehrten allmählich die Männer zurück: frustriert, voller Aggression, zerstört durch die Kriegsgefangenschaft. Meine Mutter ließ sich im Katastrophen-Winter 1946/47 scheiden und fiel einem virilen Monster in die Hände: einäugig, Kriegsinvalide, sexbesessen. Als ich sieben Jahre alt bin, gab es für meine Mutter dann den dritten Ehemann, drei Jahre später dann die dritte Scheidung. Die Nachkriegszeit war also nicht nur in baulicher Hinsicht ein Ruinenfeld.

Für mich gab’s nur eine Fluchtmöglichkeit, ich entwickelte mein eigenes Kopf-Kino. Immer dann, wenn ich durch Streit und Zank (mitunter kam sogar die Polizei) am Schlafen gehindert wurde, drehte ich im Kopf den Fernseher an, je nach Bedarf unterschiedliche Kanäle, und phantasierte meine Lieblingsbücher als Fortsetzungsromane weiter. Ich war Zirkusdirektor mit einer prächtigen, roten Uniform. Oder wenn Gut gegen Böse gewinnen musste, dann rette der letzte Mohikaner aus dem Lederstrumpf ein armes Leben.

Und irgendwann entdeckte ich Grillparzer. Dieser Franz Grillparzer spielt in meinem Leben eine fast magische Rolle. Mit 11 Jahren hatte ich meinen ersten öffentlichen Auftritt in einem Ferienlager am Wolfgangseee – ich durfte sein berühmtes „Loblied auf Österreich“ aus „König Ottokars Glück und Ende“ präsentieren. Ich entdeckte sein (und mein) rhetorisches Talent und bewundere ihn noch heute für so schöne Dinge wie „Wehe dem, der lügt“ oder „Medea“.

Mitte der 60er Jahre hatte ich meine „Einstands-Prüfung“ für Geschichte im Hofkammerarchiv. Der Prüfer war ungemein stolz auf einen Sessel, auf dem früher Grillparzer gesessen hatte und meinte geradezu ehrfürchtig: „Grillparzer war nicht nur ein grandioser Schriftsteller, sondern auch ein exzellenter, reformfreudiger Archivar“. Ich war überrascht, Grillparzer, Österreichs Nationaldichter, war Chefarchivar?

Archivar... So ein staubtrockenes Leben erschien mir der perfekte Ausgleich zur meiner überbordenden Phantasie und Opernliebe.

Irgendwann landete ich beim ORF, und Hugo Portisch wollte mich für das neue Fernseh-Projekt Österreich II anheuern: „Kommen Sie doch fünf Jahre zu mir als mein Stellvertreter.“ Und ich, ohne mit der Wimper zu zucken: „Sie brauchen mich nicht als Stellvertreter für fünf Jahre sondern als Archivar – aber auf Lebenszeit!“ So kam es, und der ORF begann unter meiner Führung viel früher als andere Fernsehanstalten mit einer tiefgreifenden, digitalen Reform der Archive.

Der kleine Zirukusdirektor hatte seine große Manege gefunden.

© Peter Dusek