Mit 17 fängt das Leben angeblich an

Erinnerungen eines Halbwüchsigen an das "Schicksalsjahr 1962"

Die große Liebe kannte ich bis dahin nur vom Kino oder aus der Oper. Flirten, erste Küsse, die nach Erdbeeren rochen, und Einschlaf-Fantasien, die nur noch von erotisierenden Gesprächen mit gleichaltrigen Burschen über das große Thema "Frauen" bzw. "Sex" getoppt wurden.

Es war ein "second-hand"-Verhältnis, in das ich mit 17 Jahren "hineintaumelte" und bei mir klar werden ließ, worum es bei der "Angelegenheit Nr.1" überhaupt ging.

Das Szenario war ein sehr erfolgreicher Turnverein: "Union Wien Landstrasse" hatte damals über 3000 Mitglieder, stellten den Wiener Turn-Meister und galt als Vorbild. Zwei Brüder - Walter und Gerhard - gaben den Ton an. Walter war der Organisator, Gerhard der auch international gefragte "Turn-Star" und hier beginnt meine Geschichte.

Der Wiener Turn-Meister war mit einem der hübschesten Mädels des Vereins verlobt: Bärbel war blond, zierlich und vom Typ her Grace Kelly-ähnlich. Ihr Händegeben war sanft und fast zärtlich. Dazu war sie heiter, fröhlich und humorvoll. In diese "Ideal-Braut" hatte ich mich schon verliebt, bevor ein Umstand eintrat, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Zirka ein halbes Jahr vor der geplanten Hochzeit wurde Gerhard zu einer Südamerika-Tournee engagiert. Die blonde Braut stand da als "Strohwitwe" und ich bekam die Chance meines Lebens: unser Turnverein setzte damals noch ganz auf Volkstanzen und so in etwa jedes Halbjahr gab es in den Sophien-Sälen ein Ball-artiges Schautanzen. Und Bärbel war eine besonders begabte Volkstänzerin. Doch wie verhält sich ein Verein in Abwesenheit des Stars? Man sucht sich einen "ungefährlichen" Ersatzmann, der vom Alter wie vom Können dem abwesenden Bräutigam nicht ins Gehege pfuschen könnte.

Und dieser Typ war ich. Ich hatte zwar damals einen durchtrainierten Körper, wog 63 Kilogramm bei 175 cm Größe, und mein einarmiger Handstand konnte sich sehen lassen. Aber leider war ich vom Typ her ein echter "Milch-Bubi". Eine Bemerkung, die mich verzweifeln ließ: "Ganz die Mama!". Kaufte ich mir eine Strassenbahnkarte gab man mir - dem 17-jährigen - einen Kinderfahrschein. Im Falle der verwaisten Braut Bärbel war dies nun aber ein Vorteil. Und da mindestens die Hälfte der Burschen in den Vereinsstar verliebt waren, passte die Wahl des "Ersatz-Mannes" zweifellos. Ich durfte einige Monate lang die schöne Bärbel als Erster zum Tanz auffordern; dass ich mich mit Haut und Haaren in sie verliebte, hat sie vermutlich gar nicht bemerkt.

Es endete fast opernhaft: die Südamerika-Tournee ging vorüber und dann wurde rasch geheiratet. Und beim Aufgang einer Kirche im 3. Bezirk standen die Turner und Turnerinnen der "U-3". Wir trugen Lederhosen wie beim Volkstanzen. Und mir rannen Tränen über die Wangen. Doch mein Motto lautete "Wie's da drin aussieht, geht keinen was an". Eine Ahnung von der großen Liebe hatte ich ja doch...

© Peter Dusek