Hochmut und Fall

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Hochmut und Fall | story.one

Hochmut kommt vor dem Fall, sagt der Volksmund. Ein hochmütiger Mensch lässt es gerne heraushängen, wie gut er ist. In der Extremausprägung sieht er sich selbst als Mittelpunkt der Welt. Mit dieser Überheblichkeit kompensiert er sein oft mangelndes Selbstbewusstsein. Arroganz hilft, das unsichere Ego künstlich aufzublähen. Das Ego ist der Entwurf von uns selbst, den wir im Inneren tragen. Nicht immer stimmen diese Vorstellungen mit der Realität überein. Die Menschen halten mich nicht für so großartig, wie ich mich selbst – Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung weichen stark voneinander ab. Weitere persönliche Frustrationen sind damit vorprogrammiert. Was würde helfen? Mit ehrlichen Menschen zu reden und auch ein negatives Feedback in Demut und Dankbarkeit anzunehmen.

Dazu eine kleine Geschichte: Kurz vor Weihnachten war ich mit Familie und Freunden in Osttirol Schi fahren. Die Sicht war miserabel, es schneite stark und der Abfahrtshang glich einer Buckelpiste. Unbeholfen quälten sich meine Begleiter nach unten. Für mich als Schilehrer stellen diese Verhältnisse normalerweise keine allzu große Herausforderung dar. Lautstark das Lied „Was braucht denn a Skilehrer noch?“ trällernd, fegte ich an allen vorbei. Urplötzlich schleuderte es mich nach vorne: Aufgrund eines Fahrfehlers hatten sich beide Bindungen geöffnet. Nach einem Doppelsalto landete ich unsanft auf dem Rücken. „Bist verletzt?“, fragten sie mich unisono. Nachdem ich mich fit erklärte, wurde ich zum Gespött der ganzen Runde, welche sich in der Zwischenzeit um mich versammelt hatte.

Der Dichter Angelus Silesius brachte es auf den Punkt: Mensch, ist was Gut‘s in dir, so maße dich’s nicht an; sobald du dir‘s schreibst zu, so ist der Fall getan.

© Peter Gurmann 14.02.2020