Der Erinnerungswächter

Und hinter der letzten, der größten ungeordneten Altpapierdeponie tauchte wie aus dem Nichts ein riesiger Verschubbahnhof mit abgestellten Zügen auf, manche schon vor Jahrzehnten von mir zur Seite geschoben, auf ein Nebengeleise, ohnehin nur für kurz, bis gleich, („ ich ruf Dich an“, manche später und für länger geplant, („geht jetzt gerade nicht- erst muss ich das und das und noch jenes und dann - dann hole ich dich ab, mein lieber Wagon, mein lieber Zug, sicher“)

Und du glaubst, die stehen alle noch so herum, wie Du sie einmal abgestellt hast oder jemand für dich – dann kommst du gegen Ende Deiner Tage oder nur knapp davor wieder dorthin. Hattest den Weg dahin ja schon vergessen. Und keiner ist mehr da- dabei hättest du noch so viel zu tun gehabt mit jeder einzelnen Garnitur, mit jedem Waggon, und alle fallen sie Dir ein nach und nach- und du kommst hin und keiner ist mehr da.

Nicht einmal der blaue Salonwagen nach Harrogate, auch nicht der bordeauxfarbene Oldtimer nach Frankfurt. Und da war doch noch der aus Andernach am Rhein und der nach Marl und der nach Heidelberg. Und der ganz alte, klapprige nach der Goldenen Küste.

Alle fallen sie dir ein.

Dabei hätte es doch noch soviel zu reparieren gegeben an dem einen oder anderen, kleine und große Schäden in der Eile gedankenlos zugefügt, einfach geschehen, unbeabsichtigt, "ich werde es eh richten so schnell es geht, ja bald, ich ruf an…oder schreib ein Telegramm. Ein SMS."

Längst haben andere Lokomotiven die Garnituren abgeholt. Oder nur einzelne Wagons, je nach Eigendünkel. Und manche waren an Ort und Stelle verrottet – die Reste als Buntmetall entsorgt, die Reste der Reste, was noch blieb verschrottet

NEIN, es ist nicht wahrhaftig denn die Erinnerungen waren meine und vielleicht auch deine Lebenswegbegleiter, tagein tagaus, nachtein nachtaus, manchmal mehr oder weniger, meistens mehr, selten weniger.

Und immer hast Du den Weg zu den Geleisen, die zum Kopfbahnhof, dem Verschub-Labyrinth führten nicht gefunden. Und wenn doch, dann kaum angegangen, wurdest du überrollt von Pyroklastischen Wellen des Unerwarteten.

War vielleicht besser so, nur Ahnen nicht Gewissheit, dass eine Leere dich erwartet, lieber im Gedankenkino die alten, immer dieselben Geschehen spielen mit Menschen die schon längst nicht mehr leben, sie sehen so frisch aus und sagen immer dasselbe über jeden Zweifel erhaben, es kann Dir nicht geschehen, denn Du weißt schon vorher was geschieht, nichts mehr kann Dich erschrecken.

Und was dir besonders gefällt, kannst unzählige Male Du erleben, bevor es aus ist, fängst du von vorne an.

Nur das „HÄTT ich doch“ musst du vergessen, musst leben nur, was wirklich war.

Geh der Sache nie auf den Grund- lass es sein, wie es ist, nicht wie sein es hätte können. Dann lebst du glücklich in einem lebendigen Leichenhaus solange dieses Weltsystem noch besteht.

Oder komm mit mir: denn da hinten, hinter den toten Geleisen steht mit dampfenden Kesseln der „Paradise Train“ und wartet auf uns.

© Peter Kutzer-Salm