Großvaters Religion-aus des Knirpses Sicht

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Großvaters Religion-aus des Knirpses Sicht | story.one

Schemenhaft, im Nebel meiner Frühzeit, ähnlich wie Großvaters zarten Bleistiftskizzen, doch manches im Detail klar konturiert, durchgezeichnet und ausgemalt, tauchen auch die Einzelheiten zum Thema Glauben auf:

der unter unzähligen „Dingen“ vergrabene, große Marien-Altar in Großmutters „Unterwelt“- Chaos-Zimmer;

die fallweisen Besuche des hochwürdigen Herrn „Rat“, das bedeutete Röm.-kath. Geistlicher Rat, Pfarrer Zehetner, ein sehr freundlicher, lieber Mann;

der „Heilige Antonius“, den ich erst Jahre später als Ministrant des freundlichen Mannes in der Kirche als Statue, einem griechischen Gott gleich, nur trauriger, inmitten vieler brennender Kerzlein aller Längen und Durchmesser und zu seinen Füßen den Spendenkasten realisierte.

Großmutti gab Geld für diesen Antonius für das „schöne Läuten“, dabei war es ja sicher der Mesner, der läutete und nicht der Antonius, aber ich brachte das alles nicht auf die Reihe mit der Kirche oder den zwei Kirchen, weil meine Mutter ja eine „Protestantin“ war, worunter ich mir erst recht nichts vorstellen konnte. Erst viel später, als ich zur Schule ging, zur höheren, lernte ich die Evangelischen kennen und einer von ihnen wurde mein bester Freund. Er schenkte mir auch meine erste Bibel, eine lutherische, also ein Altes UND ein Neues Testament in EINEM.

Meine Frau Mama war unter anderem auch gelernte Sängerin und zwar eine gute. Sie sang ein wunderbares und inniges „Ave Maria“ und zwar egal zu welcher Konfession die Gotteshäuser gehörten.

Großvater hatte anscheinend durch seine vielen Weihnachtspostkarten, ob vor, zur oder nach der Zeit des K&K-Krieges und seine Winter-Märchen, Petrusse in Bilderbüchern, Engeln und Engerln, schlussendlich das durch die Wälder schwebende Christkind und dem vielen hölzernen Weihnachtsbaumschmuck ein besonderes Verhältnis zum Herrn „Rat“ Pfarrer:

„Bei Ihnen, Herr Professor, weiß ich eh alles, sie brauchen nicht in die Kirche zu kommen, es gibt solche Gläubige und solche Gläubige. Und sie sind eben ein solcher.“ Und das war´s mit Religion bei Großvater.

Mich hob Großpapa einmal auf das Fensterbrett im Atelier im ersten Stock, öffnete die Scheiben und lenkte meine Sinne auf den voll in Blütenpracht stehenden Riesen-Lindenbaum, der das Haus überragte, „die Linde“, einstiger Baum-Bruder der meinen Zehen zum Opfer gefallenen „Ur-Esche“ auf der anderen Seite des Hauses. Und alle Sinne waren gefordert:

Es gab zu sehen, zu hören zu riechen, so intensiv, dass ich es schmeckte und spürte. Tausende und aber Tausende Bienen summten zwischen den unzähligen hellgrünen Blättern und den hellgrün-gelben duftenden Blüten, dieses symbolträchtige Wunderwerk der Schöpfung, dieser wahrhafte Lebensbaum in seiner geballten sprossenden Frühjahrspracht im Zusammenwirken mit den Millionen Honigbienen, dieser Sinnesrausch, der da ins Zimmer wehte, veranlasste Großvater zu den Worten: „und da gibt es Leute, die sagen, es gibt keinen Gott“.

© Peter Kutzer-Salm 14.07.2019