Schlichten

Zur Erinnerung: Bei Ernst Kutzer war das Mittagsschläfchen genauso exakt ritualisiert, wie die darauf folgende Gartenarbeit, wie gießen und Kiesweg rechen, oder Kleinholz machen, Holzscheite aneinander reihen oder bei Regen im Keller Briketts schlichten. Schlichten war das faszinierende, strategische und zugleich taktische Unterfangen den winzigen Keller des Hauses Khevenhüllerstraße 13 wieder begehbar zu machen.

Der Kohlenhändler- Prosit Neujahr- schüttete, durch zwei eben-erdig vorhandene, kleine blechbetürte Öffnungen an der Gartenseite des Hauses, das schwarze Brenngut in die Tiefe des Kellerloches. Kohle linker Schacht- Briketts rechter. Unten kamen die Dinger halt irgendwie an.

Bei der Kohle war das „wie“ egal. Die Stücke waren, ihrer vielen unregelmäßigen Ecken wegen, ohnehin schlicht un-schlichtbar. Die Briketts aber sollten möglich ganz bleiben, eben des Schlichtens wegen!

Eine Bitte, dafür zu sorgen, nützte nicht soviel, wie ein im

Voraus entrichtetes Trinkgeld. Ein Alu Schilling war meist

genug. So besänftigt, ließ der gute Mann, er hätte vom Aussehen her auch unser Rauchfangkehrer sein können, seine kostbare Fracht eher gleiten als stürzen, was zur Folge hatte, dass sie zum Großteil in ganzen Stücken blieben - dem

Professor seine Briketts. Und das war gut so, des Schlichtens wegen. Das gefiel auch dem schwarzen Mann mit seinem schwarzen Pferd und dem schwarzen Kohlewagen. Allerdings denke ich nicht des Schlichtens wegen, sondern „a Schüling woa a Schüling“ (zu deutsch: 1 Schilling war 1 Schilling). Der gleiche Mann, der Ottinger aus Neustift am Walde, sah ganz übrigens ganz anders aus, wenn er die großen Milch- Aluminiumkannen transportierte, mit einem anderen, einem lichten Wagen und meist auch einem anderen Pferd, einem weißen! Zwischen diesen beiden Pferden machten Gert und ich allerdings keine Unterschiede bei einer der sadistischen

Beschäftigungen, denen wir nachgingen. Der Pferde-

Hinterteile waren ein zu verlockendes Ziel für unsere

Kittkugeln-Blaseröhrchen. Tierschützer seien beruhigt, erstens trafen wir selten, zweitens wackelten die Gäule bei einem Treffer nicht mehr mit den Muskeln, als wenn sich eine Bremse angesaugt hätte.

Doch zurück in den Keller: Großvaters Leistung bestand nun darin, und er schulte mich dahin, diesen Riesenhaufen wild durcheinanderliegender Quader so zu ordnen, dass sie an den Wänden zu liegen kamen und damit der Keller damit wieder begehbar wurde. Ich konnte es von mal zu mal nicht glauben, dass das möglich sein sollte. Doch es geschah. Er macht es möglich. Wenn Großvater sein SCHLICHTEN beendet hatte, erschien das Kellergewölbe wieder leer. Die zwanzig Sack „Schwarzes Chaos“ waren Stück für Stück, mannshoch an den Wänden hochgestapelt, in Dreierreihen, militärisch Schulter an Schulter. Ordnung macht eben Platz.

So war er eben auch, der Großvater.

Er liebte es Chaos zu ordnen-

und das nicht nur bei Wichtelzwergen

© Peter Kutzer-Salm