"..ich glaub jetzt sind die Russen da"

Die Alliiertenzeiten, die 1945 "Russenzeiten" waren, bevor die Amerikaner den 18. Bezirk zugeteilt bekamen oder sich selbst zuteilten, belebten und beschliefen Ernst und Sylvestine Kutzer den ebenerdig gelegen Raum mit Fenstern hin zum Riesenlindenbaum.

Zur Zeit der umherstreunenden, gefürchteten, russischen Frontsoldaten, ließen die Großeltern das Fenster halb offen, nur angelehnt und stellten altes Geschirr vor den Fensterflügel. Falls jemand von außen an das Fenster drückte, würde es sich mit nur geringem Widerstand öffnen lassen, was zur Folge hätte, dass das Geschirr vom Fensterbrett fiel.

Die Russen suchten in dieser Gegend nach versteckten Soldaten.

"Du, Ernsti, ich glaub, jetzt sind die Russen da" sagte Großmutti.

" Tot, tot, tot" sagten die Eindringlinge in einem fort und stießen ständig Großvater das Bajonett in die Seite "tot, tot, tot".

Dieses "tot" war aber nur die Kurzform des Wortes Soldat, womit man dokumentierte, worum es eigentlich ging: Soldot, wo ist ein Soldot?

Die Söhne waren ja noch in Kriegsgefangenschaft, was in dieser Situation sicherlich ein segensreicher Umstand war. So führte Großvater die Russen durchs Haus.

So ging es vom Keller bis zum Dachboden aus der Suche nach "Tot ,Tot."

Würden sie einen "Tot" finden, dann würde sich diese Silbe allerdings sofort in einer anderen Bedeutung erfüllen: tot und zwar "alle tot".

Man kam ins Arbeitszimmer im ersten Stock. Kein „tot“ aber ein Klavier. Jetzt konnte er zuschlagen, der Großvater. Er entzündete die beiden Kerzen am Pianino und klappte voller Selbstbewusstsein den Deckel hoch, setzte sich auf das Klavierstockerl und begann zu spielen- er war ein Meister der Improvisation, vor Jahren ein wunderbarer Unterhalter, ein Mann, der Mentalitäten kannte und ausloten konnte. Sicher kannte er das Gemüt der Russen gut, noch aus dem ersten Krieg, dem großen, wie man ihn vor dem zweiten nannte.

Er kannte die russische Seele, er kannte die russischen Melodien- und nun spielte er sie bei Kerzenschein.

Und er spielte, Großmutti zitternd im Hintergrund und nur das Wort "tot, tot, tot" im Sinn.

Rundum russische Frontsoldaten, zum Teil mit den fremden, mongolischen Gesichtern, und der Mann, der geliebte, saß am Klavier und spielte um sein Leben.

Er selber, sich des sicheren Sieges bewusst und keine Spur ängstlich zog einfach die Register seines Könnens, ließ seine Persönlichkeit strahlen und spielte, und spielte sich in die Melancholie der russischen Herzen hinein, seelenverwandt, und spielte und spielte. Wenn er aufhören wollte, wurde er von einem Bajonett leicht gestupst, so spielte er weiter, ich könnte glauben, er spielte, der Schönheit der Musik wegen.

Tränen flossen. Still war es geworden in den ungestümen Soldatenherzen, Träume waren geweckt, Erinnerungen wach gerufen und irgendwann gegen Morgen waren sie dann gegangen...Mann für Mann.

Nie wieder störten russische Soldaten nach dieser Nacht die Nachkriegsruhe meiner Großeltern.

© Peter Kutzer-Salm