Nach mir die Sintflut

Vielleicht ist es Teil meines Unvermögens mit dem Thema "Erbe" umzugehen darauf zurückzuführen, dass es für mich pietätlos, ja schamlos erschien, zu Lebzeiten von Menschen über Materielles nach ihrem Tod zu sprechen. Über materielles wohlgemerkt, nicht weltanschaulich, in diesem Bereich teilte ich gerne meine Visionen mit anderen und Papa die seinen, nein, diese Gespräche über "Was wird sein, wenn ich einmal nicht mehr bin", das wollte mich einfach nicht interessieren, war für mich ein fremder Gedanke. Du bist doch da, Du lebst. Was soll ich an Deinen Tod denken wollen, geschweige denn an irgend etwas NACH deinem Tod. Was soll ich haben wollen, wenn ich dich nicht mehr habe. Pläne zu schmieden auf einem noch nicht einmal ausgehobenen Grabhügel, nein, das war mir, und ist mir immer noch zu tiefst zuwider und fremd.Dem zum Trotz sei gesagt: ich weiß mich zu erinnern einmal als Knirps den Großvater gefragt zu haben, wer wohl früher sterben würde. Er, oder die Großmutti.

Obwohl ich Großmutti sehr liebte, war doch der Großvater sicher ALLES für mich und so nahm ich auch erschüttert zur Kenntnis, als er mir vorspekulierte, dass er, auf Grund seines Alters, früher sterben müsste als sie. Er schwächte diese "Hochrechnung" allerdings dadurch ab, dass er sehr entschieden betonte, Lebensdauer hinge doch wohl von jemandem anderen ab, was mich wiederum beruhigte.

Er selbst hatte eine schlichte, entwaffnende Lebensauffassung, was Erbe, Nachlass, Sorgen und Spekulationen kurz, das weiter oben angeschnittene Thema "Was wird sein, wenn ich einmal nicht mehr bin" und ähnliches, nämlich: "Nach mir die Sintflut". Das war ein E.K. Dauerzitat. Ähnlich wie „Prosit Neujahr“ (siehe das Buch "Kutzerg´schichtln").

Es war ein Teil seiner Lebensphilosophie. So lernte ich keinen Umgang mit der Frage: Was kommt NACH mir, es war Großvater anscheinend völlig egal, ob es ein NACHHER gab, oder was im Falle seines Todes geschehen sollte, er wollte einfach nichts regeln oder geregelt haben, nicht vorsorgen, keinen Gedanken der kostbaren lebendigen Gegenwart damit verschleudern an eine Welt zu denken, in der man nicht mehr lebte. Komme doch, was da wolle, es wird euer Problem sein, nicht meines. Nach mir die Sintflut.

Und doch wurde seine Hinterlassenschaft wenigstens zum Teil zu seinen Lebzeiten geregelt.

Das Haus Khevenhüllerstraße 13 wurde an die "Erben in spe" verkauft. Wer auch immer diesen Verkauf der Familie einredete und aus welchen Gründen auch immer, derjenige verdiente sicher gut daran

Und als Großvater starb, hinterließ er scheinbar wirklich nichts- somit wurde ein bisschen wahr von: "Hinter mir die Sintflut" nur, dass halt die Flut ein Bächlein war.

Nachsatz:

Das Bächlein, das wirklich floss, der wahre Nachlass hatte eine völlig andere Dimension und bewegt sich jenseits von Häusern, Grundstücken oder Sparbüchern. Ist er doch ein Strom, so gewaltig, dieser Strom der Erinnerung. Man muß ihm viele Geschichten widmen für die nach uns.

© Peter Kutzer-Salm