Südtirol

Meine Großeltern waren sicher zu den goldenen Zeiten der Kutzer-Ära dort sommerfrischeln, und natürlich mit dem Taxi unterwegs gewesen.

Mein Frau Mama war in den 1950ern öfter als Heimleiterin der ÖKISTA mal da, mal dort. Das hing irgendwie mit ihrem ersten Ehemann zusammen, der ja der Urheber meiner Stiefschwester Susanne, genannt „BIBI“, war. Regisseur und Filmemacher, würde man heute sagen.

Zu dieser Zeit illustrierte Ernst Kutzer seine Bilderbücher mit Texten von „Mammi mal da, mal dort“, Fränzl Salm - und ich war zeitweise mehr oder weniger mal da und mal dort mitlebenderweise dabei.

Einmal in Triest und dann wiederum gegenüber von Triest in Muggia (1953) oder später in Südtirol (1957).

Solda bzw. Sulden hieß das Nestchen am Fuße des Ortler in 1950 Metern Seehöhe, in dem ich sogar zur Schule ging. EIN Raum. Ein Lehrer. 5 Klassen.

Der, natürlich katholische, Pfarrer, der später von einer Lawine an der Kirchenmauer erdrückt wurde. Doch das war lange nach den Kutzer-Zeiten.

Bei ihm war es, dass ich in der Mitternachtsmette etwas Wesentliches vergaß. Und das kam so:

Er las scheinbar aus der Bibel, der riesigen, die auf dem Altar lag, mit dem Rücken zum Publikum, natürlich lateinisch, und ich sollte jeweils die Passagen auf deutsch lesen, denn die Zuhörer sollten ja wissen worum es ging, obwohl sie es ohnehin wussten, aber Latein konnte ja keiner und italienisch sollten sie, aber wollten viele nicht können.

Ich hatte keine Bibel, weil man zu dieser Zeit als Katholik nur ein sogenanntes „neues Testament“ haben durfte. Meine Lesestellen waren mit bunten Bändchen in verschiedenen Farben gekennzeichnet. Doch hatte ich mehr Stellen zu lesen, als Bändchen vorhanden waren, wie sich herausstellen sollte.

Und Mammi, wie sollte es anders sein, Heidin hin Heidin her, war selbstverständlich für das Singen des„Ave-Maria“ vorgesehen So schön wie sie konnte es in dem Bergdörfchen ja keiner.

Die Gemeinde, durchwegs katholisch, erhob sich, die Glocken läuteten, die Ministranten schellten, der Pfarrer las, einem römischen Centurio gleich, befehlend, den lateinischen Text. Es war ja auch die Rede vom Kaiser, dem Augustus dem römischen. Alles stand, ich auch, und alle warteten auf die Übersetzung, auf das „ In diesen Tagen erging vom Kaiser Augustus der Befehl...“.

Nicht, dass ich nicht ebenso centurionisch sprechen hätte können, ich hatte einfach kein Bändchen mehr in meinem Büchel, hatte ich doch schon alle Stellen mit Bändchen gelesen, also konnte einfach kein Text mehr übrig sein. Dass ich diese Stelle wissen hätte sollen, wusste ich ja nicht.

Mammis Gesang deckte alle lässlichen Sünden zu, beim Pfarrer jedenfalls und ich denke, im obersten Stockwerk ebenfalls.

Nach der Mette wollte ich wie ein „alter Profi“-Schauspieler natürlich wissen „wie ich war“, wie denn meine Rezitationen gefallen hätten.

„Sehr ergreifend gelesen“ sagte der Pfarrer „nur das Evangelium, die Weihnachtsfrohbotschaft, die hast Du halt vergessen“.

© Peter Kutzer-Salm